Stützen der Gesellschaft
Objektbeschreibung
Der Titel ist eine Anspielung auf Henrik Ibsens gleichnamiges Drama aus dem Jahr 1877. Mit bissiger Schärfe hat Grosz die „Gesellschaftsstützen“ der Weimarer Staatshierarchie karikiert: Hinter einem Stammtischbruder mit Schmiss und Hakenkreuz versammeln sich Presse und Politik, Kirche und Militär. Die Schädeldecken dieser Staatsrepräsentanten lüftend entlarvt Grosz „die Elite der Menschheit als faktische Schweine“ (Bertolt Brecht) und rechnet so aus linksradikaler Sicht mit der „Verlogenheit“ der Weimarer Republik ab. Ganz vorn ein ohrenloser Richter, ausgestattet mit Bier, Parteiabzeichen und Verbindungs-„Schläger“ und besessen von Hirngespinsten aus seiner Kavalleristenzeit. Der Vertreter der Presse trägt die Züge des „Zeitungszaren“ Alfred Hugenberg. Er hält zwar eine Friedenspalme in der Hand, aber sie ist blutbefleckt. Während er einen Nachttopf als Kopfbedeckung trägt, ist im Hirn eines Parlamentsabgeordneten buchstäblich „die Kacke am Dampfen“. So spielt es auch keine Rolle, ob man in ihm einen Deutschnationalen mit Reichsflagge oder einen Sozialdemokraten („Sozialismus ist Arbeit“) sieht. Der Militärseelsorger mit wenig vertrauenerweckender Visage predigt Frieden und deckt die Verbrechen von Reichswehr und Freikorps in seinem Rücken. Grosz verstand seinen sozialkritischen Verismus als moderne Historienmalerei. In dem Bild hat er Motive der Zeichnung „Wir treten zum Beten vor Gott den Gerechten!“ aus seiner Mappe „Das Gesicht der herrschenden Klasse“ (1921) weiterentwickelt; es sollte vermutlich als rechte Seitentafel eines nicht ausgeführten Triptychons dienen. | Kyllikki Zacharias