Weiß mit vier Schlitzen
Objektbeschreibung
Ende der 1940er-Jahre begann Fontana, die Leinwand nicht mehr lediglich als bemalte Fläche zu betrachten. Seit 1946 hatte der Bildhauer, Maler, Zeichner und Proto-Konzeptkünstler zusammen mit anderen Künstler*innen mehrere Manifeste über den Raum veröffentlicht. Ihnen ging es darum, Klang, Farbe, Bewegung und Raum zu einer neuen Kunstform zu synthetisieren. 1949 erweiterte Fontana den zweidimensionalen, illusionistischen Bildraum, der die Malerei seit der Renaissance beherrschte, um die dritte Dimension des realen Raums. Zunächst perforierte er monochrom bemalte Leinwände mit einem spitzen Messer. Dadurch entstanden mit zahlreichen unterschiedlich großen Löchern übersäte Oberflächen. Die Anordnung der Öffnungen erinnert oft an Sternenhimmel oder Strömungen des Wassers. Diese Werkgruppe, die er „I Buchi“ (Die Löcher) nannte, markierte einen radikalen Bruch mit traditionellen Malereipraktiken. Knapp zehn Jahre später schuf Fontana die Werkgruppe „I Tagli“ (Die Schnitte). Diese Serie, auch bekannt unter dem Titel „Attese“ (Erwartungen oder Hoffnungen), entstand laut Fontana 1958 durch einen Akt der Zerstörung: Aus Ärger über ein misslungenes Bild zerschnitt er die Leinwand. Allerdings betonte Fontana, dass weder seine Loch- noch seine Schlitzbilder mit Zerstörung assoziiert werden sollten. Die Löcher habe er nicht geschaffen, um das Bild zu ruinieren, sondern um „etwas zu finden“. Das sechseckige Werk „Weiß mit vier Schlitzen“ gehört zu den frühen Zeugnissen dieser langjährigen Suche. | Catherine Nichols