Lesende Susanna
Objektbeschreibung
Kretzschmars Frau Susanna (1891–1942), die er 1917 geheiratet hatte, figurierte vor allem in den 1920er- und 1930er-Jahren häufig in seinen Bildern. Auffällig ist dabei der Variantenreichtum, mit dem dies geschah: im Porträt, als Rückenfigur beim Klavierspiel (A IV 278) oder als Teil des Bildpersonals in einer fiktiven Szene („Konfektion“, A IV 318). „Lesende Susanna“ (A IV 383) weist in der Gestaltung des Werks und der Farbigkeit über den Charakter eines Bildnisses im herkömmlichen Sinn hinaus. Vielmehr wirkt es wie eine Allegorie des Lesens. Die glühenden Farben und der hingebungsvolle Gestus Susannas versinnbildlichen die Inspiration durch anregende Lektüre. Wie schon das Porträt des Freundes Oskar Trepte (A IV 382) blieb auch dieses Zeugnis aus expressionistischen Anfängen von der Zerstörung durch den Künstler selbst im Jahr 1921 verschont, sicherlich ebenfalls aus emotionalen Gründen. In beiden hier vorliegenden Susanna-Darstellungen hat Kretzschmar seine Frau dem direkten Blickwechsel mit den Betrachter:innen entzogen, beim Lesen durch die gesenkten Augen, beim Klavierspiel durch die Rückenansicht. Der persönliche, intime Aspekt des Versinkens in musische Beschäftigungen wird dadurch betont. Im Klavier-Bild hat der Maler die Einheit zwischen Person und Tätigkeit nicht nur durch Farbe erreicht, sondern durch Flächigkeit. Lediglich durch den linken Arm und den Stuhl wird Räumlichkeit evoziert. Im Übrigen sind Figur und Instrument auf einer Ebene miteinander verquickt. Der Vergleich dieser beiden Darstellungen verdeutlicht den gravierenden künstlerischen Wandel, den Kretzschmar innerhalb von nur fünf Jahren vollzogen hatte. „Susanna am Klavier“ zeigt jene künstlerischen Parameter, die von nun an die Determinanten im Œuvre des Künstlers sein sollten: statische, gebaute Kompositionen, die vor allem von Farbklängen leben. Die Auseinandersetzung mit Farbe als primärem künstlerischem Mittel sollte sich dabei durch die zunehmende Flächigkeit in seinen Werken noch intensivieren. | Katharina Wippermann