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Mein Bruder, der Tischler


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Objektbeschreibung

Nagel kommentiert in seinen Bildern nicht, er klagt nicht offensiv an. Allein durch die genaue Beobachtung des Gegenübers, die Konzentration auf Gesichtszüge, Haltung und Kleidung kommt er den Personen und deren Lebensumständen nahe – seine Modelle bedürfen keiner charakterisierenden, erzählenden Attribute oder aufklärerischer Gesten, wie sie in manch sozialkritischer Arbeit von Otto Dix, Conrad Felixmüller oder Hans Grundig zu finden sind. Durch den zumeist dunklen Hintergrund liegt der Blickpunkt ausschließlich auf den Porträtierten, die die oftmals großformatigen Gemälde fast komplett ausfüllen. So ist es auch in dem Gemälde „Mutter mit Kind“ (A IV 12), das eine mittellose Frau mit ihrem kranken Kind zeigt, die Nagel, nach eigenen Worten, auf dem Hinterhof seines Mietshauses „aufgesammelt“ hatte, wo sie für ihren Lebensunterhalt zu singen versuchte (Otto Nagel, Mein Leben, in: ders., Leben und Werk, Berlin [Ost] 1952, S. 37). Es sind Porträts voller Würde wie auch das von Nagels ältestem Bruder Paul (Lebensdaten unbekannt), den der Künstler ernst, mit weißem Hemd und Krawatte im Halbprofil wiedergegeben hat (A IV 11). Paul war, wie so viele andere in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, arbeitslos geworden und konnte seinen Beruf als Tischler nicht mehr ausüben. Unmittelbar ersichtlich wird diese zermürbende Situation nicht, ebenso wenig wie auf dem Gemälde „Mutter mit Kind“. Die Bilder sind Ausgangspunkte für Geschichten, die sich in den Porträts selbst nur angedeutet finden. | Maike Steinkamp