Stillleben mit hängendem Tuch
Objektbeschreibung
Der Italiener Mucchi, Kommunist und Partisan im Zweiten Weltkrieg, bekannte sich nach 1945 dezidiert in Schrift und Bild zum Realismus. Von den Kulturfunktionären der DDR wurde er aktiv umworben: Von 1956 bis 1961 hatte er eine Gastprofessur an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee inne, dann auch eine am Institut für Kunsterziehung der Universität Greifswald; ihm wurden ab 1955 etliche Ausstellungen in der DDR ausgerichtet, und die Nationalgalerie erwarb 1955, 1961 und 1967 drei seiner figurativen Bilder. Erst 1985, aufgrund der nun freieren ästhetischen Grundhaltung in der offiziellen Kulturpolitik, gelangte eines der intimen Werke der späten 1930er-Jahre in die Sammlung. Zu dessen Entstehungszeit war Mucchis Wohnung in Mailand ein Treffpunkt antifaschistisch gesinnter Künstler. Sie bildeten ab 1938 die Gruppe Corrente (Strömung), um, wie der Maler notierte, „die Integrität unseres Werkes vor dem Druck von außen zu bewahren: daher der Intimismus, die ‚tonale‘ Malerei, der ‚Morandismus‘“ (zit. nach Gabriele Mucchi, Ausst.-Kat., Berlin [Ost], 1983, S. 12) Der Italiener Giorgio Morandi war neben Paul Cézanne das wichtigste Vorbild für Mucchi. Das sorgfältig arrangierte und dann mit pastosen Farben skizzierte „Stillleben mit hängendem Tuch“ zeigt in warmen, rotbraunen Tönen Muscheln, Früchte und eine Dose. Es bleibt unklar, ob ein Innenraum oder eine Strandlandschaft wiedergegeben ist. Die Künstlervereinigung Corrente stellte bewusst ihre stillen Bilder den zur Staatskunst avancierten Werken der Gruppe Novecento entgegen. | Angelika Wesenberg