Anrufung
Objektbeschreibung
Die „Anrufung“ ist eine malerische Ausformulierung des Reiter-Themas, das – anders als Marinis stürzender „Kleiner Reiter“ (B 229) – dem dargestellten Menschen eine Ruhe und Kontrolle zuweist, die er in der Bronzefassung nicht besitzt. Mit zu den Seiten ausgetreckten Armen richtet die nackte Figur, deren erigierter Penis sichtbar ist, ihr Angesicht nach oben zur „Anrufung“. Dies birgt das Moment des Ekstatischen, durchaus Archaisch-Triebhaften, während das tradierte Motiv des heroischen Reiters zugunsten der Suche nach dem Neuen, Erneuernden auch hier fallen gelassen wird. Der Umgang mit Licht und die durch den engen Bildausschnitt und den nahen und niedrigen Betrachtungsstandpunkt betonte Körperlichkeit rücken das Gemälde in unmittelbare Nähe zur Skulptur. So wie etwas Malerisches in der Patina der Bronze liegt, ist das Skulpturale in der Malerei zu finden: Der gestische Farbauftrag, die sichtbar belassenen Teile der Leinwand und die nur skizzenhaft oder fragmentarisch abgebildeten Bereiche, wie die Beine des Pferdes, zeugen von einer Fortsetzung des Experiments rund um eine formale wie inhaltliche Neudeutung des Reiterstandbildes. | Sintje Guericke