Selbstbildnis
Objektbeschreibung
Noch während des Krieges, im Sommer 1944, schuf Sintenis ihr letztes Selbstporträt. Ebenso wie das Bildnis von 1933 (NG 64/81) ist es ein Fragment. Die Haarpartie hat die Künstlerin ausgespart, was die markanten, gealterten Gesichtszüge akzentuiert. Zwischen der Maske von 1944 und jener von 1933 liegen elf Jahre, in denen die Bildhauerin erhebliche seelische und physische Erschütterungen durchlebt hatte. Die brutale Wirklichkeit der (kultur-)politischen Gegenwart im Nationalsozialismus – mit der Verfolgung von Freunden, Berufsverboten, Ängsten und zerstörten Hoffnungen, den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, dem Tod ihres Mannes, Emil Rudolf Weiß, 1942 wie der Vernichtung von Teilen ihres künstlerischen Werkes durch die Zerstörung ihres Ateliers und ihrer Wohnung bei einem Bombenangriff – hatte sie nachhaltig erschüttert. Ihre Maske von 1944 ist sicher das psychologisch stärkste Selbstporträt der Künstlerin. Gleichzeitig spiegelt sich in ihm exemplarisch die Stimmung einer ganzen Generation, wie es der Kritiker Karl Ludwig Skutsch beschrieben hat: „Es ist die Sprache des Menschen, des wissenden Menschen jener vor 1900 geborenen Generation, der mit Sensibilität und Erkenntnis in den Wandlungen, Stürzen und grundsätzlichen Veränderungen einer schicksalhaften, völligen Welt- und Kunstwandlung steht. Ein Antlitz, stellvertreterisch für die Situation des Geistes in Jahrzehnten der Bedrohung, der Umwertung, der Abwertung von allem, was humanitär, was humanistisch gesichert schien; ein Antlitz der Strenge gegen sich selbst, der Stille der Trauer“ (zit. nach Britta Buhlmann, Renée Sintenis, Darmstadt 1987, S. 25). | Maike Steinkamp