Kentaur und Nymphe
Objektbeschreibung
Die junge, kräftig gebaute Frau versucht, auf dem breiten Rücken des Centauren aufzusitzen. Ihrem Ansinnen entgegenkommend, ist dieser halb in die Hocke gegangen; hilfreich greift seine linke Hand nach hinten, um den Fuß zu unterstützen. Willig läßt sich die Frau die rechte Hand bieten, um noch besser aufsteigen zu können. Der ältere, gelegentlich auftauchende Titel "Centaur entführt eine Lapithin" ist also insofern falsch, als es sich gar nicht um einen Raub, sondern um ein einvernehmliches Vorgehen handelt. Der Kontrast zwischen dem etwas derben, legendären Fabel- und Zwitterwesen (die ungebändigten Naturkräfte verkörpernd) und der Frauenfigur (mit Gewandung und Frisur die Kultur, die domestizierten Kräfte versinnbildlichend) betont die Polarität zwischen den Geschlechtern und ihren Rollen. Hinsichtlich des geradezu demonstrativen Vortrages solch elementarer Gegensätzlichkeiten steht Begas ganz in der Tradition des Barock. Die Komposition kann aber auch als ein bewußt ausformulierter, geradezu humorvoll vorgetragener Gegensatz zwischen Antike und Neuzeit gedeutet werden, denn dem archaisch-vorzeitlichen Centauren steht eine im Körperideal, im Gestus und in der Frisur ganz der Gründerzeit angehörende Frau gegenüber. Diese Deutung wird unterstützt durch den gelegentlichen Hinweis, Begas sei zu der Komposition durch Paul Heyses spätromantische Novelle "Der letzte Centaur" inspiriert worden, in der die Magd Nani der Gegenwart des industrialisierten 19. Jahrhunderts mit Hilfe eines Centauren entflieht: Auch dort stehen sich also Altertumsreminiszenzen und aktuelle Gegenwartsphänomene gegenüber. - Das vorliegende Exemplar befand sich früher im Garten der Villa Brandt am Großen Wannsee, stand seit 1975 vor dem Museum in Berlin-Dahlem und wurde 1986 angekauft. 1997 erhielt die Gruppe ihren neuen Standort im Kolonnadenhof der Alten Nationalgalerie. Eine leicht vergrößerte Marmorkopie steht seit etwa 1900 im Berliner Zoologischen Garten, eine zweite große Bronzefassung im Stadtpark von Dessau. Kleinformatige Bronze-, Galvano- und Zinkversionen belegen die einst erstaunlich hohe Popularität des Werkes. | Bernhard Maaz