Thomas Müntzer
Objektbeschreibung
Ein düsteres und verstörendes Bild. Die tumultartige Menge gleicht eher einer Horde schreiender und mordlustiger Orks aus dem „Herr-der-Ringe“-Universum als einer Armee von Landarbeitern im deutschen Bauernkrieg. Der Theologe, Reformator, Drucker und Protagonist der Reformation im 16. Jahrhundert Thomas Müntzer wurde vor allem in der DDR als Held und Revolutionär rezipiert, nach ihm waren Plätze und Straßen benannt, sein Konterfei zierte die 5-Mark-Banknote. In Zellers Gemälde steht er wie ein wahnwitziger Prediger in der Bildmitte, die Arme zum Himmel erhoben, in der rechten Hand einen für die Schlacht denkbar ungeeigneten Hammer, in der Linken die Bibel, umringt von kampfeslüsternen Kriegern in graugrünem Blech. Bizarr erscheint auch der geisterhaft blasse Arbeiter mit roter Fahne am oberen Bildrand, der wie in einer Zeitreise von einer kommunistischen Demonstration im Berliner Wedding 1930 unter eine frühneuzeitliche Mordbrennerbande versetzt scheint, von der er eher mitgerissen wird als sie anzuführen. Zeller schuf in seiner Karriere beeindruckende expressionistische Bildwerke nahe am Stil der Neuen Sachlichkeit („Mädchenbild“, 1919, A IV 558). Seinem Versuch, sich mit dem historischen Stoff in der jungen DDR zu profilieren, war kein Erfolg beschieden. Das Bild verschwand nach der Überweisung durch den Magistrat von Berlin im Depot, der Künstler fiel im Formalismusstreit zwischenzeitlich in Ungnade. | Sven Haase