Kloake I (dithyrambisch)
Objektbeschreibung
Ein schnurgerader Kanal führt vom Betrachter weg, der nahe dem rechten Ufer im Wasser stehen müsste. Er durchquert in einem niedrigen Tunnel einen bahndammartigen, jedoch – das legt die Perspektive nahe – etwa sieben bis acht Meter hohen, braunen Erdwall. Der Wall verstellt den Blick in die leere, flache grüne Landschaft abrupt wie eine Wand; nur am oberen Bildrand ist ein schmaler graublauer Himmelsstreifen freigelassen. Der Blick folgt dem Kanal durch den Tunnel bis zu einem viel zu nahe gelegenen Horizont, wo er wie abgeschnitten endet. Das, was die Wasseroberfläche sein müsste, spiegelt einerseits exakt und ohne jede Kräuselung Kanalböschung, Wall und Tunnelwölbung, andererseits scheint auf der Spiegelebene ein abstrakt-geometrisches blaues Band zu liegen, das nur mit Mühe als Himmelsreflexion zu beschreiben wäre. Entsprechend ist die Oberfläche des Erdwalls unnatürlich parkettartig gemustert – es könnten Spuren von gigantischen Traktorreifen sein, wäre das nicht praktisch unmöglich. Mit dieser ins Monumentale drängenden Abstraktion von mehr oder weniger bedeutsamen Gegenständen (Sandhügel, Steppdecken, Rübenmieten, Stoppel- und Spargelfelder, der Westwall, die Mauer, Reifenspuren, der Staudamm, Eisenbahnschienen, Tunnel) steht das Bild am Ende von Lüpertz’ „dithyrambischer“ Werkphase. Das Adjektiv „dithyrambisch“ bezieht sich auf Nietzsches „Dionysos-Dithyramben“, die ihrerseits auf die antiken, rauschhaften Gesänge zu Ehren des Weingottes Bezug nehmen. Das Werkverzeichnis, das aktuell von der Galerie Werner verwaltet wird, nennt unter dem Titel „Tunnel“ neben unserem Bild (WVZ ML 168/J) zwei weitere Versionen des Motivs (ML 165/A1; ML 168/I), bei denen vor allem die Gestaltung der Himmelsreflexe variiert. | Oliver Seifert