Bildnis Alfred Flechtheim
Objektbeschreibung
Das Porträt des Kunsthändlers Alfred Flechtheim (1878–1937) ist eine eigen- und einzigartige Bildprägung Bellings, denn in ihr mischen sich Porträt und Karikatur im dreidimensionalen Medium. Zeichner stellen sehr häufig die individuelle Physiognomie auf wenige Merkmale reduziert und überspitzt dar, Bildhauer aber kaum. In dieser Hinsicht berühmt geworden ist lediglich die von Honoré Daumier 1832 angefertigte Serie von Büsten französischer Abgeordneten der Deputiertenkammer (Musée d’Orsay, Paris). Anders als Daumier gibt Belling nicht den gesamten Kopf wieder, sondern beschränkt sich auf wulstige Lippen, die große, gebrochen wirkende Nase sowie zwei schwere Augenlider, die eine Art durchgehende Braue überwölbt. Deren parallele Rillen verweisen auf Flechtheims Angewohnheit, das pomadisierte Haar mit dem Kamm glattzuziehen. Auch die übrigen Elemente sind so charakteristisch, dass der Kunsthändler – bei aller Abstraktion – gut zu erkennen ist. Belling versuchte, Extravaganz und Witz Flechtheims mittels eines Formenexperiments wiederzugeben, indem er das Verhältnis zwischen Masse und Leerraum radikal weiterentwickelte. Der Porträtierte war davon so begeistert, dass er gleich mehrere Güsse anfertigen ließ. Bereits 1920 hatte Belling in Flechtheims Düsseldorfer Galerie ausgestellt. Zu einer exklusiven vertraglichen Bindung kam es aber erst 1927; anschließend waren neue Werke Bellings regelmäßig in der Berliner Dependance zu sehen. Als der Kunsthändler aufgrund seiner jüdischen Herkunft im Sommer 1933 emigrieren musste, verfügte Belling über keine Galerievertretung mehr. | Dieter Scholz