Häftling eines Konzentrationslagers
Objektbeschreibung
Nach dem Ende des Nationalsozialismus wagte der Bildhauer Koelle eine Gratwanderung. Er hatte im NS-Staat berufliche Erfolge erlebt, für ihn günstige Kontakte zur Politik gepflegt und mehrmals auf der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ ausgestellt, in der das Regime die politisch akzeptierte Kunst zeigte. Ab 1945 stellte er sich als Antifaschist dar und trat unmittelbar nach Kriegsende der KPD bei. Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck, damals Vorsitzende der SED und später die politische Führung der DDR, besuchten sein Münchner Atelier. 1947 kaufte das Zentralkomitee der SED einen Guss von „Häftling eines Konzentrationslagers“; drei Jahre später erwarb der Magistrat von (Ost-)Berlin den Guss, der heute der Nationalgalerie gehört. Es handelt sich um eine kleinere Version dieser Figur; die große wurde als Denkmal für die KZ-Gedenkstätte Dachau konzipiert und später dort aufgestellt. Sie ist dem „unbekannten Häftling“ gewidmet. Der abgemagerte Internierte nimmt eine entspannte, selbstbewusste Pose ein, die an Koelles „Bergarbeiter vor der Einfahrt“ von 1927 erinnert (B I 477). Er hat keine sonstigen Merkmale, die ihn als Arbeiter einordnen lassen; er ist auch nicht, wie etwa die KZ-Mahnmalfiguren von Fritz Cremer, Teil einer sozialistischen Erzählung vom Widerstand oder Sieg der Antifaschisten (vgl. Cremers Buchenwald-Entwürfe, B I 694 und B III 279). Koelles Figur hängt vielmehr mit seiner Darstellung eines Menschentypus zusammen, den er über viele Jahre mit unterschiedlichen politischen oder sozialen Bezügen realisierte. | Emily Joyce Evans