Stillleben vor einem Fenster in Saint-Raphaël
Objektbeschreibung
Angeregt durch seinen Sommerurlaub an der Côte d’Azur mit seiner neuen Ehefrau Olga Khokhlova malte Picasso eine große Anzahl von Stillleben, die sich ihrem Titel nach vor einem Fenster in Saint-Raphaël situieren. Besonders gut erkennt man sein Anliegen zu jener Zeit, einerseits den Kubismus weiterzuentwickeln, andererseits zu einer gegenständlichen Darstellungsform zurückzukehren. Das Stillleben, in dem eindeutig eine Gitarre und ein leeres Notenheft sowie wahrscheinlich zuoberst eine abstrahierte Fruchtschale mit einer halben Birne zu erkennen sind, bedient das erste, der Blick aus dem Fenster und das Interieur gelten dem zweiten Ziel. Bei genauerer Betrachtung hat die Gegenständlichkeit jedoch ihre Tücken. Das plausible Abbild der Realität wird, als ginge von der zentralen Tischplatte mit dem Stillleben eine Strahlung aus, gestört und ins Fantastische gezogen: Türflügel und Fensterlaibung widersprechen sich in der Perspektive, die rechten Tischbeine fehlen überwiegend, der Balkon hat eigentlich zwei Gitter, eines über und eines unterhalb des Tisches, beide sind gegeneinander versetzt, das untere Gitter wirft dazu einen unmöglichen Kreisschatten. Erst weiter draußen, fernab vom Stillleben, gewinnt die Natur ihre Vertrautheit zurück: Das Meer endet am Horizont, am Himmel darüber ziehen diesige Schäfchenwolken. | Gabriel Montua