Die schwebende Mauer
Objektbeschreibung
Das Gemälde verstört durch die Umkehrung von Objekteigenschaften und Sehgewohnheiten: Während vorn die eigentlich grazilen Schwäne leblos zu einem Wall aufgehäuft liegen, hat eine Mauer im Hintergrund zu schweben angefangen. Das Agile ist erschlafft, die tote Materie hingegen ist scheinbar lebendig geworden. Auf der öden Ebene dazwischen stehen drei nackte Männer, die in enger Umarmung Schutz vor der eigenen Exponiertheit und Beistand angesichts der bedrohlich-mysteriösen Situation suchen. „Die Anregungen zu meinen Themen entstammen nicht systematischen Überlegungen, sondern einem Hineinschauen in die Welt des Unbewussten“, schrieb der Maler 1948 (Brief an J. Plagge, 30.1.1948, in: Axel Hinrich Murken, Edgar Ende. Sein Leben und sein Werk [1901–1965]. Seine kunsthistorische Stellung in der Malerei des 20. Jahrhunderts, Herzogenrath 2001, S. 95). Mit seinen Bildfindungen jenseits der Vernunft und seiner Faszination vom Traumentsprungenen stand Ende dem Surrealismus nahe. Seine Bilder führen in fantastische Welten, in denen er sich in symbolträchtiger Rätselhaftigkeit mit existenziellen Grundfragen auseinandersetzte, inspiriert etwa von Sigmund Freuds Traumdeutung oder den Schriften Ernst Cassirers. Auf Rudolf Steiners Theorie der sozialen Dreigliederung hatte sich der von Ende mit zwei Vertrauten gegründete Geheimbund „Der weiße Schwan“ bezogen, worauf vielleicht auch dieses Gemälde anspielt. In den 1930er- und 1940er-Jahren, in denen der Künstler unter Armut und Depression durch Zwänge in der NS-Zeit sowie den Kriegsdienst litt, verdichteten sich die apokalyptischen Elemente in Endes Werk. | Christina Thomson