Tafel 4: Große Wiese aus: Frühbürgerliche Revolution in Deutschland
Objektbeschreibung
Die vierte Tafel erinnert an den „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch (1505–1515, Prado, Madrid), dessen Außentafeln auch die gläserne Weltkugel in der Mitte von Tübkes Szenerie entnommen ist. Die Hülle des geozentrischen Weltbildes hat einen Riss bekommen; ähnlich ist der „Garten der Lüste“ in eine Art Steppe der Agonie verkehrt. In der Mittelachse liegen zwei schützende Gebüsche. Unten kauert eine Frau mit Säugling (nach Barthel Beham, „Der Welt Lauf“, 1525, National Gallery of Art, Washington D.C.). Weiter oben beobachten Mönche Szenen teils närrischen, teils visionären Charakters. Links ein Schiff auf dem Trockenen mit den Vertretern der alten Zünfte. Unterhalb dieses Narrenschiffs versucht Martin Luther den Papst beim Kräftemessen oder „Strebkatzenziehen“ zu besiegen. Es folgen ein gehenkter Ablasshändler (nach einer Zeichnung von Niklaus Manuel Deutsch, 1525), ein doppelgesichtiger Luther, der die päpstliche Bannbulle verbrennt (später aber die aufständischen Bauern unter Müntzer verdammt), ein delirierender hl. Antonius, eine rätselhafte Szene (möglicherweise ein Narrengericht) und ein gekreuzigter Papst. Rechts manifestiert sich eine Vision des Jeremias: Vor der eingerissenen Weltkugel erscheint ein Engel, der einem Mann mit grünlichem Nimbus durch Überreichung eines siegverheißenden Palmzweigs den Auftrag zur Veränderung der Verhältnisse erteilt. Gleichzeitig fährt von der Kristallsphäre ein Lichtstrahl auf eine ihr zugewandte Prophetengestalt nieder. In deren Rücken rechts dann die Vision: Ein siedender Kessel, der Unheil über alle Königreiche bringt (Jer 1,13-16), und aus dem das Haupt eines gequälten Bauern schreit. Um eine mystische blaue Masse, die „lebendige Quelle“ (Jer 2,13), sind die Fürsten und Höflinge der Erde versammelt. Über ihren Häuptern ergießen sich die sieben Plagen der Endzeit (Offenb 15-16). | Oliver Seifert