Aufsteigender. Den um ihre Freiheit kämpfenden Völkern gewidmet
Objektbeschreibung
Die Figur des „Aufsteigenden“ beschäftigte Cremer über mehr als zehn Jahre. Eine kleinere Studie (B III 157) zeigt die Grundidee, nach der der Mann mit seinem ganzen Körper emporstrebt und dabei einen Arm weit nach oben ausstreckt. Der andere Arm bleibt angewinkelt, der Kopf gesenkt wie in großer Konzentration oder unter Anstrengung. Es ist ein Moment angehaltener Bewegung. Die monumentale Ausführung hat einen erweiterten Titel, der zugleich eine Lesart vorgibt: „Den um ihre Freiheit kämpfenden Völkern gewidmet“ (B III 207). Das Streben nach Freiheit ist das Streben himmelwärts. Das Werk lässt sich anhand der weltpolitischen Situation zur Zeit der Entstehung einordnen. Im Dezember 1960 hatte die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution 1514 (XV) verabschiedet, in der es heißt: „Alle Völker haben das Recht auf Selbstbestimmung; kraft dieses Rechts bestimmen sie frei ihren politischen Status und verfolgen frei ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung.“ Von 1960 bis 1969 wurden über 40 ehemalige Kolonien souverän; die angesprochene Freiheit in Cremers Titel passt zu dieser Entwicklung. 1973 wurden die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland in die Vereinten Nationen aufgenommen, und die DDR schenkte der Organisation aus diesem Anlass den ersten Guss des „Aufsteigenden“. Cremer verwendete die Figur des aufsteigenden Mannes erneut im Denkmalentwurf „50 Jahre Oktoberrevolution“ (B III 232). Zum 1. Mai 1972 hatte er einen Vertrag mit dem Kulturfonds der DDR abgeschlossen, für ein Honorar von 120.000 Mark plus Gusskosten fünf überlebensgroße Figuren zum „Aufsteigenden“ zu entwickeln (Akademie der Künste, Berlin, Fritz-Cremer-Archiv, Nr. 301). Sein gedanklicher Ausgangspunkt war, dass eine Figur je ein Jahrzehnt seit der Russischen Revolution von 1917 repräsentieren sollte (ebd.). Die unterste, also erste Figur liegt auf dem Boden, dann reckt sie sich, steigt in zwei Phasen langsam empor, bis die ausgestreckte rechte Hand des „Aufsteigenden“ in der fünften und obersten Figur den Höhepunkt erreicht. Jahre später erinnerte Cremer sich an eine negative Kritik des ostdeutschen Kunsthistorikers Peter Feist: Die Figur müsse „aufgestiegen“ sein, denn „Völker steigen objektiv auf“ (ebd.). Diese Notizen gewähren einen Einblick in die Rezeption der Kunst gemäß marxistisch-leninistischer Doktrin: Nach diesem positivistischen Weltbild ist die Entwicklung der Völker in einer bestimmten (sozialistischen, befreienden) Richtung quasi ein Naturgesetz. So gesehen müsste der Bildhauer den Erfolg des Aufstiegs und nicht den Kampf auf dem Weg zu diesem Ziel zeigen. Cremer wollte jedoch das Prozesshafte und die Entwicklung des Menschen zeigen und bei den Betrachtenden die Auseinandersetzung damit fördern. | Emily Joyce Evans