Selbstbildnis
Objektbeschreibung
Nach fast vier Jahren als Sanitäter war Heckel erst im November 1918 aus dem Militärdienst entlassen worden. Sein „Selbstbildnis“ – von ihm als „Bärtiger Mann“ betitelt – entstand im ersten Sommer nach Kriegsende, den er mit seiner Frau Siddi in Osterholz an der Flensburger Förde verbrachte. Monatelang war er in dem dort gekauften Bauernhaus damit beschäftigt, das Dachgeschoss zu einem Atelier auszubauen und den Innenraum zu gestalten. Angesichts jener Mühen ist es von Bedeutung, dass Heckel ausgerechnet diesen Ort als Kulisse für sein Porträt wählte. Im Bildnis, das weder Pinsel noch Staffelei zeigt, genügen zur Identifikation des Künstlers als solchem die Wandmalereien im Hintergrund. Neben Heckels Porträt ist auf der ockerfarbenen Dachschräge ein hockender männlicher Akt mit schwarzem Haar und Vollbart dargestellt. Er erinnert entfernt an die Schnitzereien auf den Palau-Balken, die der Maler in seiner Dresdner Zeit im Völkerkundemuseum studiert hatte. Obgleich die Raumgestaltung an die Jahre um 1910 und die exotisch anmutenden Ateliers der Brücke-Künstler anknüpft, wirkt der Maler selbst mit der hohen Stirn und dem großen Kopf auf hageren Schultern ernst und asketisch. Diese vergeistigte Haltung kennzeichnet die Lebens- und Schaffensphase Heckels in der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der er sich mit der Literatur der Romantik und Fragen des menschlichen Seins befasste. So können die strahlend blauen Blumen als Anspielung auf Novalis’ blaue Blume in seinem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“ (1800) und somit als Symbol für das metaphysische Streben nach der Erkenntnis der Natur und des Selbst verstanden werden. | Aya Soika