Vor der Demonstration
Objektbeschreibung
Als am 17. Juni 1953 der Volksaufstand gegen die Regierung der DDR von sowjetischen Panzern niedergeschlagen wurde, war eine Million Menschen auf der Straße. Tausende wurden verhaftet, Hunderte verletzt, 55 verloren ihr Leben. Drei Jahre später malte Bergander ein Demonstrationsbild, das im krassen Gegensatz zu diesen Ereignissen steht. Die Szene zeigt keinen wütenden Protest, sondern elf Personen in einer friedlichen Menge zu Beginn eines „Aufmarsches“ (so der Titel einer weiteren Fassung von 1958 in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden). Entspannte Stimmung, Anlass und sonniges Wetter vereinen drei Generationen in „einer heiteren Emotionalität“ (Lothar Lang, Malerei und Graphik in der DDR, Leipzig 1985, S. 48). Im roten Fahnenmeer schimmern auch die Farben Schwarz, Rot und Gold, noch ohne Hammer, Zirkel und Ährenkranz, die erst 1958 als Staatswappen etabliert wurden. Bergander stellte sich damit in den Dienst der Kulturpropaganda, der zufolge man nicht gegen den Staat protestiert, sondern mit ihm gemeinsam für eine Zukunft eintritt. Lässt man diese Widersprüchlichkeit des Motivs außer Acht, so zeigt sich ein interessanter Stilmix, der die statuarische Darstellung der frühen Renaissance ebenso streift wie die kubische Malerei oder den italienischen Realismo. Auch die für Bergander fast schon typische Rückenfigur fehlt nicht im Ensemble. Das Gemälde entstand 1956, kam aber erst 1972 als Überweisung des Ministeriums für Kultur in die Nationalgalerie (Ost). Zu dem Zeitpunkt hatte diese Form der Staatskunst ausgedient. | Sven Haase