Palimpseste Bleu
Objektbeschreibung
„Es ist der Versuch, das nicht unbedingt Verständliche aufzuzeigen“, erklärte Noël 1989 in einem Interview zu den Bildern seiner Werkgruppe „Palimpsestes“. „Sie sind eine Kodifizierung und eine Pseudo-Kodifizierung, aber auch gleichzeitig das Gegenteil davon, das heißt, eine Offenbarung.“ (Georges Noël, Ausst.-Kat., Berlin, 1989, S. 13). Ursprünglich als Ingenieur ausgebildet, widmete der Franzose sich ab Mitte der 1950er-Jahre ganz der Malerei und entwickelte eine spezielle Technik, indem er Pigmente, Sand und Klebstoff miteinander vermengte und auf der Leinwand verteilte. Diese Malschicht behandelte er wie eine Aktionsfläche und ritzte gestisch-skripturale Linien und Zeichen hinein, die zum poetischen Motiv seiner Werke wurden. Bei der Arbeit aus der Sammlung der Neuen Nationalgalerie ist die gesamte blaugraue Leinwand mit expressiven, unterschiedlich stark farbigen dunkelblauen, schriftähnlichen Linien und Schwüngen bedeckt. Drei sich bildmittig treffende Linien stechen durch ihre Breite und Energie deutlich heraus. Mit dem Begriff „Palimpsest“ nimmt Noël Bezug auf antike oder mittelalterliche Tafeln oder Pergamente, die durch Abschaben und Abwischen wieder beschreibbar gemacht wurden, und damit auch auf geistige und künstlerische Prozesse des Schreibens und Überschreibens von Emotionen und Erinnerungen. | Lisa Hackmann