Marion in Weiß mit Rittersporn
Objektbeschreibung
Bei der Eröffnung der Ausstellung „Paul Wilhelm“ in der Nationalgalerie (Ost) am 13. Dezember 1956 formulierte Werner Schmidt: „Auf seinen Aquarellen rückt er prächtige Blumen gern an eine Mauer, auf dem Gemälde von 1940 sitzt seine Frau in weißem Kleide zwischen Rittersporn an einer Hauswand. Es scheint, als ob das Schöne der schirmenden Mauer bedarf, um in einem eng abgegrenzten Bereich gedeihen zu können“ (gedruckte Einlage im Katalog der Berliner Ausstellung). Das in der Rede erwähnte Bild „Marion in Weiß mit Rittersporn“ vereinigt Hauptmotive des Malers Wilhelm: 1919 hatte er die gebürtige US-Amerikanerin Marion Eleonore Laue (1888–1967) geheiratet, in den folgenden Jahren war sie sein bevorzugtes Modell. 1920 erwarb er Grundstück und Haus in Radebeul und begann zugleich mit der Blumenzucht, insbesondere von großen Ritterspornpflanzen. Wilhelm zeigt hier Marion, in ein Buch vertieft, inmitten der sie weit überragenden Blütenstängel, vor der den Garten umfriedenden Ziegelmauer, im Kriegsjahr 1940. Damit hat der Künstler, sicher bewusst, eine moderne Aufnahme des alten Bildmotivs des Hortus conclusus geschaffen; er malte seine Frau geschützt im umgrenzten Raum eines Gartens, so wie Max Liebermann seine Tochter Käthe im Kriegsjahr 1916 wiedergegeben hatte („Die Gartenbank“, A II 183). Im März 1940 formulierte Rudolf Gläser vorsichtig-verständnisvoll in der Chemnitzer Presse: „Paul Wilhelms Malerei faltet die Welt nicht jubelnd auf: Sie sucht die Romantik des Nüchternen, Abgeschiedenen, ja Schwermütigen“ (zit. nach Paul Wilhelm zum 100. Geburtstag, Ausst.-Kat., Dresden, 1986, S. 26). | Angelika Wesenberg