Logo

FacebookAuf Facebook teilen

Objektbeschreibung

Bereits „Der Hafen I“ von 1924 (Privatbesitz) bezeugt Radziwills Faszination von moderner Technik. 1928 berichtete der Maler dem Kunsthistoriker Wilhelm Niemeyer von einer Fahrt durch den Amsterdamer Hafen. Dort „war der so seltene Blick von der Fläche des Wassers an [die] riesigen, mit Nieten und durch Säure zerfressenen Schiffsrümpfe etwas seltsames und phantastisches. Und einer der merkwürdigsten Eindrücke ist für mich immer dort, wo ein riesiger Schiffskörper in das Wasser eintaucht“ (Brief vom 24.9.1928, in: Gerhard Wietek, Franz Radziwill – Wilhelm Niemeyer. Dokumente einer Freundschaft, Oldenburg 1990, S. 133 f.). Entsprechende Elemente finden sich in „Der Hafen II“. Das Bild bezieht sich auf die Begegnung der Schwesterschiffe „Bremen“ und „Europa“, welche die Reederei Norddeutscher Lloyd für ihre Linie nach New York hatte bauen lassen, am 19. März 1930 in Bremerhaven. Fotos zeigen die Schnelldampfer in gleicher Ausrichtung, Radziwill hingegen hat sie dynamisch gegeneinander verkehrt – und zwei Mal die „Europa“ wiedergegeben, erkennbar an den Vierergruppen der Fensterreihen (die „Bremen“ hatte Zweiergruppen). Untersicht und Anschnitt erzeugen einen extremen perspektivischen Sog. Die riesigen Schiffskörper als Zeichen der neuen Zeit scheinen die grazilen Segler zu erdrücken. In einem kleinen Motorkahn steht ein Beobachter der Technik gegenüber. Diese war Grund für nationalen Stolz: „Bremen“ und „Europa“ stellten bei ihren ersten Atlantiküberquerungen Rekorde auf und eroberten das „Blaue Band“, das zwei Jahrzehnte lang die britische „Mauretania“ innegehabt hatte, eine Auszeichnung für das von der Wirtschaftskrise geschüttelte Deutschland. | Dieter Scholz