T1975-H 9
Objektbeschreibung
Im Sommer 1973 war Hartung von Paris in sein Atelierhaus in Antibes an der Côte d’Azur gezogen. Schon vorher hatte er sich neuen und zunehmend experimentellen Gestaltungsmöglichkeiten zugewandt. War die Linie jahrzehntelang das strukturelle Gerüst für Hartungs Kompositionen gewesen, so erlangte nun die Farbe mehr und mehr Relevanz. Statt diese konventionell mit dem Pinsel aufzutragen, nutzte der Maler ab 1961 einen umgebauten Staubsauger, später einen Kompressor oder andere unkonventionelle Malutensilien, um die Farbe – nun vor allem schneller trocknende Vinyl- oder Acrylfarbe – auf die Leinwand aufzubringen oder diese weiter zu bearbeiten. In dem vorliegenden Werk setzte Hartung eine Lithografiewalze ein, die ihn unter anderem wegen ihrer porösen Oberfläche interessierte. Zudem verteilte die Walze die Farbe nicht nur auf der Leinwand, sondern löste sie teils auch davon ab, wodurch transparente Effekte entstanden. Hartung nutzte die Walze vor allem in den Jahren 1975 und 1976, als auch dieses Gemälde entstand. Ein zusätzliches Merkmal dieser Zeit ist der gleißende Lichtpunkt, der die Aufmerksamkeit der Betrachtenden anzieht und einen Tiefenraum erzeugt. Generell geht es Hartung in seinen Kompositionen aus diesen Jahren um das Verhältnis von Fläche, Linie und Farbe, wobei die Farbe für ihn keine symbolische Bedeutung hatte, sondern möglichst unmittelbar zur Geltung kommen sollte. | Maike Steinkamp