Junge
Objektbeschreibung
Der lebensgroße Bronzeakt verkörpert die typische Ambivalenz eines jungen Menschen an der Schwelle zum Erwachsensein. In klassischer Frontalansicht steht der noch im Wachstum begriffene Junge mit fast parallelen Beinen aufrecht. Die leicht abgespreizten, herabhängenden Arme und der verschlossene Gesichtsausdruck verstärken den Eindruck von gedämpfter Spannung, von Ausgeliefertsein und Verunsicherung. Die Figur kann exemplarisch für eine in den 1930er-Jahren existenziell herausgeforderte „Jugend am Scheideweg zwischen blindem Befehlsgehorsam und widerstehendem Denken“ (Horst-Jörg Ludwig, in: Heinrich Drake. Plastik, Zeichnungen, Ausst.-Kat., Berlin [Ost], 1983, S. 39) aufgefasst werden. Im Gegensatz zu den stark bewegten Tierplastiken des Künstlers (vgl. „Zwergesel“, B III 272) sind seine Menschendarstellungen statuarisch-ruhig und von tektonischer Klarheit. Drake orientierte sich an Skulpturen der griechischen Antike und Adolf von Hildebrands, betonte jedoch Vitalität und Individualität. Im Äußeren wollte er zugleich ein Inneres vergegenwärtigen, der Realismus von der NS-Ideologie nahen Kunst war ihm ebenso fremd wie die Abstraktion. Trotz geringer Wertschätzung zur NS-Zeit erhielt Drake für den „Jungen“ 1936 den 1. Preis des Vereins Berliner Künstler. Dank des Rom-Preises der Preußischen Akademie der Künste lebte er von 1940 bis 1942 in Italien und wurde dann zum Kriegsdienst als Feinmechaniker in einer Werkstatt verpflichtet. Ab 1952 in Ost-Berlin lebend, etablierte er sich nicht zuletzt wegen seiner „progressive[n] humanistische[n] Haltung“ (Hans Liebau, Heinrich Drake. Leben und Werk, Dresden 1973, S. 7) als Vertreter der „sozialistischen“ Plastik der DDR. | Uta Caspary