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Objekttyp: Zeichnung / Studie / Musterblatt
Eine Eberjagd mit Hunden und zwei nackten Männern
Kupferstichkabinett
Die Jagdszene entbehrt nicht der Dramatik: Während ein rasendes Wildschwein von zwei Jägern und einem Jagdhund in die Enge getrieben wird, überrennt es dessen Gefährten. Die Komposition ist nach einem römischen Sarkophag studiert, der sich heute in Mantua (Palazzo Ducale) befindet. Auf diesem Sarkophag-Relief fehlen die Köpfe der Jäger. Der Künstler hat sie in der Zeichnung ohne archäologisches Interesse und weit entfernt von einer klassischen Ästhetik durch zeitgenössische ersetzt. Auch der narrative bzw. mythische Kontext des Todes von Adonis auf dem antiken Relief waren für ihn nicht von Belang. Sein Hauptinteresse galt der Bewegung der unbekleideten Jäger und der Hunde. Dabei kommt dem springenden Hund vorne eine besondere Bedeutung zu. Er ist hier gezeigt, wie er das Wildtier von links angreift, statt wie im Vorbild von rechts, was der Gesamtkomposition eine stärkere Geschlossenheit verleiht. Sein elegant dynamischer Körperbau und die großen runden Ohren sind nicht nach dem antiken Vorbild, sondern wohl nach der Anschauung und Kenntnis echter Jagdhunde gezeichnet. Text: Dagmar Korbacher in: Wir kommen auf den Hund. Werke aus fünf Jahrhunderten von Dürer bis Dieter Roth. Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett, hg. von Hein-Th. Schulze Altcappenberg und Lydia Rosía Dorn, Berlin/Petersberg 2015, S. 72.
Zwei männliche Aktstudien und der heilige Petrus
Kupferstichkabinett
Pisanello zählt zu den herausragendsten Vertretern der höfischen Wanderkünstler in der ersten Hälfte des Quattrocento. Seine Ausbildung wird er im veronesischen Kreis insbesondere Gentile da Fabrianos erfahren haben, in dessen Gefolge er 1415-22 in Venedig arbeitete. Nach Aufträgen in Pavia, Mantua und anderen Orten hält er sich spätestens von 1431 bis 1432 in Rom auf, um die beim Tode Gentiles 1427 unvollendeten Fresken in der Lateransbasilika fertigzustellen. Der stehende Petrus auf unserem Blatt ist mit den dortigen Figurentypen Gentiles verwandt. Auch der Zusammenhang mit dem sog. »Römischen Skizzenbuch«, einer Musterblattsammlung der Gentile-Werkstatt mit vielen Antikenstudien und dem Gros der bekannten Pisanello-Zeichnungen, spricht für eine Datierung der Zeichnung um 1430; einige stilistische Eigenheiten wie die greiferartigen Hände mögen eine noch etwas frühere Entstehung nicht ausschließen. Zweifel an der alleinigen Autorschaft Pisanellos sind unter anderen von Fossi Todorow geäußert worden. Doch ging kein anderer Zeichner der Gentile-Schule so sensibel mit der unterschiedlichen Haftung der Zeichenmaterialien und ihrer jeweiligen Strichbildung auf der porösen Haar- bzw. der glatten Fleischseite des Pergaments um: hier die Umrisse mit dem Stift, an denen die feingefaserten Schrägschraffen ansetzen und die Binnenformen modellieren, dort reine Federkonturen und eine äußerst zarte Pinsellavierung. Pisanello ist auch zuzutrauen, als einer der ersten Künstler überhaupt den männlichen wie den weiblichen Akt »dal vivo« gezeichnet zu haben, dazu in unterschiedlichen Ansichten und Beschäftigungen. Da der Apostel offensichtlich nachträglich aufgenommen wurde, war es wohl Absicht, den »garzone«, der auf einer Medaille Pisanellos in komplizierterer Haltung wiederkehrt (Kat. Rom 1988, Nr. 28, Abb.), mit einer konventionellen Mantelfigur nach einer Erfindung seines Lehrers zu kontrastieren. Dies ist - nach den Ursprüngen im Trecento (Kat. V.1) - ein Musterbuchblatt neuer Art. Noch vor dem Erscheinen des berühmten Traktats »Della Pittura« von Alberti (1436), in dem erstmals das Studium nach dem Nackten empfohlen wird, leuchtet das zentrale Thema der Renaissance auf: die in Proportion, Anatomie und Bewegung jeweils einzigartige, sichtbare Gestalt des menschlichen Individuums. Pentimenti zwischen Bauch und Oberschenkel der linken Profilstudie, die nachdrückliche Verstärkung ihres hinteren, weiter entfernt liegenden Arms sowie die Übergänge zwischen Oberarm, Schulter und Rückenlinie lassen uns nachvollziehen, wie schwierig dieser noch ungewohnte Versuch für Zeichner und Modell gewesen sein mag. Hein-Th. Schulze Altcappenberg in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 245-246, Kat. V.3 (mit weiterer Literatur)