Schedel, Hartmann: Chronica, Mit Holzschnitten von Michael Wolgemut und Wilhelm Pleydenwurff. Nürnberg: Anton Koberger für Sebastian Schreyer und Sebastian Kammermaister, 23.XII.1493.
Objektbeschreibung
In den letzten Jahren des 15. Jahrhunderts liegt im Kreise der Nürnberger Humanisten um Konrad Celtis der Gedanke einer Beschreibung der Welt und ihrer Vergangenheit gewissermaßen in der Luft. Vorbilder regen dazu an, ein energischer, zugleich hochgebildeter Initiator, fördernde Geldgeber, der beste Drucker und Verleger in Deutschland, illustrierende Künstler sind vorhanden. Das gedruckte Buch hat sich gerade in seinen Charakteristika und Möglichkeiten, seinem Eigengewicht gegenüber dem geschriebenen voll ausgeprägt. Die Druckkunst hatte sich auch in Nürnberg, 15 Jahre nach ihrer Erfindung in Mainz, sehr entwickelt und mit Anton Koberger steht ein erfolgreicher und erfahrener Praktiker und Kaufmann zur Verfügung. Hartmann Schedel (1440-1514), aus einer Nürnberger Kaufmannsfamilie stammend, »Doctor der Ertzeney«, Stadtphysikus, Ratsmitglied und begeisterter Polyhistor wie Bibliophiler, findet in den reichen Bürgern Sebald Schreyer und Sebastian Kammermeister die Mäzene für seine aus vielen Quellen schöpfende Kompilation der Weltanschauung und des Wissens dieser Übergangszeit vom späten Mittelalter zur beginnenden Neuzeit.
»Comportavit et scripsit« charakterisiert der Humanist Johannes Tritheim Schedels Werk. Nach Vorbildern wie dem »Supplementum chronicarum« des Jaco-bus Philippus Foresta da Bergamo, Venedig 1482, oder dem »Fasciculus temporum omnes antiquorum chronicas complectens« des Werner Rolevinck, Köln 1474, stellt er antike, mittelalterliche und Frührenaissance-Texte zu Philosophie, Geschichte, Theologie, Geographie, Naturkunde und Mythologie zusammen und versucht sie in das überlieferte christliche Weltbild einzuordnen. In der Tradition stehend und dem mittelalterlichen Glau-bensgefüge verhaftet, doch auch aus dem ganzen Bildungsgut der Antike heraus, entsteht seine auf der Vorstellung des Au-gustinus von den sieben Weltaltern aufgebaute Beschreibung. Die Weltgeschichte als Heilsgeschichte: nach dieser Gleichsetzung entsprechen den sieben Schöpfungstagen die »aetates mundi«. In diesen Rahmen sind im zunehmender Zahl mannigfache Abschnitte verschiedensten Inhaltes eingefügt, die in ihrer ungeordneten Abfolge sich einer systematischen Kenntnisnahme entziehen. Aus solchem Grunde muß wohl, trotz durchweg positiver Aufnahme durch die Zeitgenossen, schon kurz nach Erscheinen der Weltchronik die Absicht einer Neubearbeitung aufgetaucht sein, mit der der Herausgeber Schreyer Konrad Celtis beauftragte, die aber nicht zustande kam.
Schedel war seit 1487 mit der Zusammenstellung seiner Weltchronik beschäftigt, die Vorbereitungen zu den Illustrationen werden 1488 begonnen haben. Diese machen die eigentliche Bedeutung des Werkes aus. Michael Wolgemut und sein Stiefsohn Wilhelm Pleydenwurff haben sie unter Verwendung vieler Anlehnungen durch Zeichnungen, die sogenannten Risse, vorbereitet und mit den 1809 Abbildungen das umfangreichste und zugleich am reichsten ausgestattete Buch der Inkunabelzeit geschaffen. Wohl stehen sie im Rang hinter der Qualität der frühen Mainzer Buchholzschnitte zurück und bildhafte Anschaulichkeit ist noch nicht weit entwickelt, doch macht ihre Ausdruckskraft sie zur bedeutenden Leistung der Zeit. In Wolgemuts Werkstatt wandelt sich der Holzschnitt mit dem Fortgang dieser Arbeiten von der reinen Umrißgestaltung zur abstufenden räumlichen Darstellung. Im Werkstattbetrieb wurde der Entwurf auf den Holzstock gezeichnet, dieser dann vom Formschneider geschnitten. Über die Anteile der Künstler hat man natürlich Mutmaßungen angestellt, doch ist dabei eine überzeugende Klarheit nicht erzielt worden und auch über die Beteiligung des jungen Dürer, der von 1486 bis 1489 Lehrling in Wolgemuts Werkstatt war, gibt es nur Hypothesen. Bemerkenswert ist, daß die vielen Ereignisse aus dem Alten und Neuen Testament, den Heiligenlegenden, der antiken und mittelalterlichen Geschichte und alle Porträts der Großen der Weltgeschichte, der Päpste, Kaiser und Könige in die Entstehungszeit der Arbeit versetzt sind. Die Gestaltung und das Zusammenwirken von Bild und Schrift sind wohlüberlegt und harmonisch.
Stets standen die authentischen Stadtansichten im Vordergrund des Interesses, sind sie doch jenseits ihrer künstlerischen Bedeutung von hohem Quellenwert für das Aussehen der Städte im zu Ende gehenden Mittelalter. Meist sind sie überhaupt die erste Darstellung der jeweiligen Stadt. Sie entstanden, wenn in der Nähe Nürnbergs gelegen, nach unmittelbarer Anschauung und Zeichnung, sonst nach überlieferten Vorbildern, die Koberger entweder durch seine Handelsverbindungen besorgte, Wolgemut seinem Werkstattvorrat entnehmen konnte, oder in Schedels Bibliothek zu finden waren. Von ihnen unterscheiden sich die viel zahlreicheren Phantasieansichten, die willkürlich erfunden und beliebig und mehrfach verwendet wurden.
Die Ansicht von Lübeck ist zwischen Blatt 266 und 267 erst im Nachtrag enthalten, wohl weil die Vorlage nicht rechtzeitig für die gedachte Stelle vorhanden war. Die Stadt zeigt sich vom erhöhten Standpunkt des Betrachters von ihrer Ostseite. In der Mitte der ummauerten und von Wasser umgrenzten Stadt erhebt sich St. Marien, die Hauptstadtkirche, während der Dom St. Nikolai am linken Rand erscheint. Die übrigen Kirchen, Hospitäler und Klöster der reichen Hansestadt zeichnen sich markant ab. Wirkungsvoll sind in dieser frühesten Ansicht Lübecks die Bauten gewissermaßen übereinander angeordnet. Kompositorische Kunstgriffe -oder sind es Naivitäten? - auch der Berge im Hintergrund, der Gewächse im Vordergrund, alles in räumlicher Beziehung zueinander, verdeutlichen eine Darstellungsweise, die über die mittelalterlich unanschauliche »explicatio« hinaus zur genaueren Wiedergabe späterer Stadtveduten führt. Die Topographie ist schon relativ konkret, die vereinfachenden, naiven Züge, die perspektivischen Verzerrungen sind jedoch nicht zu übersehen. Das Gefüge der Straßen und Gebäude, deren unterschiedliches Aussehen, wird nur andeutungsweise erkennbar. Ein in kräftigen Lineaturen wirkender Stil beherrscht noch die Darstellung.
Die deutsche Ausgabe der Weltchronik erschien am 23. 12. 1493, übertragen von Gerhard Alt.
Text: Gottfried Riemann in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 74f., Kat. II.6 (mit weiterer Literatur)