Blanc et Noir, 4e exposition. Pavillon de la ville de Paris
Objektbeschreibung
Das Plakat zur vierten Pariser Ausstellung für grafische Kunst in Schwarz-Weiß (französisch: blanc et noir) trägt eindeutig die gestalterische Handschrift von Jules Chéret (1836–1932): Schwungvoll ins Bild gesetzte und theatralisch aus leichter Unteransicht beleuchtete Damen mit Steckfrisur in unendlichen Variationen waren die von ihm bevorzugten Reklamemotive. Hier wirbt die Frauenfigur eine humoristische Diaschau mit Werken von Albert Guillaume (1873–1942) und musikalischer Begleitung von Jean Straram (1844–1894). Als Beispiel für die versprochene Unterhaltung hält sie eine Karikatur in den Händen, auf der zwei unbekleidete Schwarze Männer einen weißen Mann im Tropenanzug foppen und ihn augenscheinlich gleichzeitig zum Grillen am Spieß vorbereiten.
Die 1885 initiierte Ausstellung „Exposition internationale de blanc et noir“, fand von Anfang Oktober bis Ende November 1890 zum vierten Mal statt, dieses Mal im Pavillon de la Ville de Paris. Das Plakatmotiv wurde auch für verschiedene Werbedrucke des Begleitprogramms verwendet. Einer davon kündigte täglich stattfindende, teils konzertant untermalte Diavorträge über die Malerei und Bildhauerei moderner Meister an (Chéret 2011, S. 28). Insgesamt handelte es sich bei der Ausstellung um ein gewöhnliches Event des Pariser Kulturbetriebs jener Zeit. Doch ist es auch eine gewöhnliche Karikatur?
Albert Guillaume publizierte dieses Bild gleichzeitig in einem Buch zum Thema „Die Mahlzeit im Wandel der Zeiten“ (Guillaume 1890, S. 63), in dem er Epochen, aber auch soziale Schichten sowie die Gebräuche ausländischer Gesellschaften ins Visier nahm. Hier trägt die Karikatur den Titel „Chez les Caraibes“, also „Bei den Kariben“. Die dargestellte Szene sollte spaßeshalber eine typische Ernährungsweise illustrieren. Auf dem Plakat wurde sie jedoch nicht vollständig abgebildet: Im abgeschnittenen Teil sitzt im Hintergrund ein lokaler Herrscher unter dem Sonnenschirm und wartet auf das Garen des besonderen Gerichts in Form des Europäers. Drei anstelle von zweien nur mit Schmuck bekleidete Männer präparieren die Mahlzeit: Der links Stehende hält den Spieß, der mittlere zeigt freudig kichernd auf die voluminöse Leibesmitte des „Bratens“ und der rechte hilft ihm höflich aus dem Tropenanzug.
Die Kariben und (der etymologisch damit wohl zusammenhängende Begriff) Kannibalismus waren in der Vorstellungswelt von Europäer*innen untrennbar miteinander verbunden. Die Anfänge dieses Mythos sind verknüpft mit Christoph Kolumbus’ Berichten von seiner Eroberungsfahrt, die ihn auch auf die karibische Inselgruppe der Antillen geführt hatte. Die Karibik bildete einen Schwerpunkt der Kolonisation durch Frankreich, das wirtschaftlich vor allem mit den Goldminen und den Plantagen auf Saint-Domingue (dem heutigen Haiti) beträchtliche Gewinne erzielte. Der ökonomische Erfolg beruhte auf der Ausbeutung versklavter Menschen, die in Afrika gefangen genommen (und für Waren, Waffen oder Geld eingetauscht) worden waren und dann in der Karibik Zwangsarbeit verrichten mussten. Die Schiffe fuhren mit Kolonialerzeugnissen wie Zucker, Tabak oder Kaffee zurück nach Europa. Im Zusammenhang mit der Französischen Revolution kam es auch auf Saint-Domingue zu Aufständen, die von Toussaint Louverture (1743–1803) angeführt wurden. Bis heute gilt dies als die einzig erfolgreiche Rebellion von versklavten Menschen. 1793 wurde die Sklaverei abgeschafft, 1804 wurde die Insel unter dem Namen Haiti unabhängig. Frankreich erkannte das Land erst 1825 an.
Schenkt man der Karikatur Glauben, so sind fast ein Jahrhundert nach der Revolution die Inselbewohnenden für das Pariser Publikum weiterhin „Wilde“: Unbekleidet leben sie fernab, mitten im Meer und frönen befremdlichen Speisegewohnheiten. Leicht wäre darin ein trotziges Beharren auf dem vermeintlichen Recht der Kolonialmacht zu vermuten. Doch die Szene bringt die Vorurteile durcheinander: Die Kariben haben die Statur antiker Athleten, wirken fröhlich und höflich, der Kolonialist hingegen unattraktiv und eher einfältig. Ob Guillaumes „Witz“ am Ende mehr über sein Unbewusstes und gesellschaftliche Konventionen verrät? Wünscht er, die „guten schönen“ Kariben hätten über die „schlechten hässlichen“ Repräsentanten der europäischen Zivilisation gesiegt? Die vermeintliche Natur über eine degenerierte Kultur? Und wer oder was ist der fette Braten? Frankreichs Bedingung für die Anerkennung der Unabhängigkeit Haitis waren horrende Reparationszahlungen, die das Land dauerhaft schädigten. Die Brutalität und Unmenschlichkeit der 1890 außerhalb von Haiti fortbestehenden Kolonialmacht Frankreichs wird hier auf die Kolonisierten projiziert und in der Umkehrung verharmlost. Offenbar hielten sowohl der Karikaturist als auch ein breites Publikum diese rassistische Geschichtsverdrehung damals für Humor.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Verwandte Werktexte:
_Kannibalen-Fest (ID 929580)
Zitierte Literatur:
_Albert Guillaume: Le Repas à travers les âges, Paris 1890, S. 63
_Jules Chéret: Künstler der Belle Époque und Pionier der Plakatkunst, Ausst.-Kat. München, Villa Stuck, 2012
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Das Straßenbild der Stadt Paris wurde während der Belle Époque maßgeblich durch die Plakate von Jules Chéret geprägt. Seine Entwürfe prangten an Litfaßsäulen, Hauswänden oder Zäunen und läuteten das Zeitalter der Affichomanie mit ein – farblithografierte Plakate entwickelten sich zur Kunstform und wurden bald zu begehrten Sammelobjekten. Mit seinen bunten Reklamedrucken, für die er auf der Weltausstellung 1889 eine Goldmedaille erhielt, bewarb Chéret Tanzvorstellungen, Cafés, Ausstellungen, Mode oder Konsumgüter. Dabei traf sein Stil, der Elemente aus dem Neorokoko mit farblicher Abstraktion verknüpfte, den Zeitgeist des Umbruchs zum neuen Jahrhundert.
Text: Christina Dembny