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Grand Musée Anatomique


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Objektbeschreibung

Jules Chérets 1881 entworfenes Werbeplakat für „Dr. Spitzners Großes Anatomiemuseum“ in Paris versprach Aufregendes – sowohl grafisch als auch inhaltlich. Der Text kündigte an: „Anthropologie und Naturgeschichte des Menschen mit einer ethnologischen Galerie aus 80 Subjekten: Azteken (Mann und Frau), drei embryologische Sammlungen, die Naturgeschichte der Pflanzen und Früchte, eine ägyptische Mumie, Trichinen, einen vollständigen Mann von 1,80 Meter Größe, einen echten, durch Wachsinjektion konservierten Menschen, Anleitung zum Selbststudium, eine in 40 Teile zerlegbare anatomische Venus, an der die Organe des menschlichen Körpers anschaulich werden, 60 Abformungen von Hautkrankheiten nach der Natur, gegerbte Menschenhaut, die schlafende Venus, die echte Hottentotten-Venus sowie, in der nur beschränkt zugänglichen Galerie der Krankheitsbilder, weitere 6800 Objekte und Themen. Geöffnet täglich für Personen ab 21 Jahren, Eintritt 50 Cent, für rangniedere Soldaten nur die Hälfte“ [Ü. d. A.].

Um diesen Text herum sind auf dem Plakat vielsagende Illustrationen angeordnet, die sich wie Verheißungen aus einer Wunderkammer ausnehmen: Zuoberst steht je ein Schädel – links ein gehäuteter „Ecorché“ mit verbleibenden Sehnen und Muskeln, rechts ein reines Knochenmodell. Darunter finden sich zwei tänzerisch bewegte Schwarze Menschen in folkloristischem Fantasiekostüm und unten zwei Köpfe, abermals mit Federschmuck und skurriler Mimik. Für Attraktivität und Wissenschaftlichkeit bürgt die zentrale Szene, in der weiße Menschen unter sich sind: Eine in lasziver Pose schlafende, unbekleidete Frau wird vor durchweg männlichem Publikum der ebenso kennerhaften wie anzüglichen Geste eines älteren Herrn im seriösen Jackett ausgeliefert. 

Pierre Spitzner (1833–1896) gründete sein Unternehmen für Wissenschaftsspektakel mit anatomischen Wachsmodellen 1856. Neben naturwissenschaftlichem Erkenntnisgewinn bot er dem Publikum Sensationen und Schauder, etwa in Form von menschlichen Missbildungen und Krankheitsbildern oder besonders Fremdartigem. Zu letzterem gehörte eine Schwarze Frau aus Südafrika, die aufgrund ihrer körperlichen Rundungen als „Venus“ traurige Berühmtheit erlangte. Die vermutlich im Jahr der Französischen Revolution 1789 geborene „Saartjie“ Baartman kam als 21-Jährige in einem der Versklavung gleichkommenden Dienstverhältnis nach London, wo sie dem Publikum als „Ungeheuer“ zwischen Tier und Mensch präsentiert wurde. Auf ihren Ausstellungstouren durch England und anschließend in Paris wurde sie fünf Jahre lang permanent begafft, angefasst und sexuell missbraucht. Nach ihrem frühen Tod 1815, mit 26 Jahren, wurde ihr Körper dem Muséum national d‘Histoire naturelle übereignet, abgeformt, seziert und konserviert. Bis 1974 blieben ihr Gehirn, ihre Geschlechtsteile und ihr Skelett dort ausgestellt. Erst nach Rückforderung durch Nelson Mandela konnte Saartjie Baartman 2002 in Südafrika begraben werden. 

Der Geschäftsmann Spitzner setzte gezielt auf die Allmachtsfantasien des weißen Besuchers, denen er auf seinem Plakat mehr als eine Venus versprach – eine Chiffre für unbekleidete, verfügbare Frauen. Während die weißen Modelle in der Sammlung den gängigen Schönheitsvorstellungen entsprachen, wurde dem schwarzen Modell Monstrosität zugeschrieben. Spitzners Wachsfigur zeigte vermutlich nicht „die echte Hottentotten-Venus“ (gemeint ist wohl Baartman), sondern eine andere in Europa vorgeführte und entmenschlichte Khoikhoi-Frau (Carol, Hermitte 2021). Plakate und Ausstellungen wie das „Grand Musée Anatomique“, welche zum Teil als Wanderausstellung bis in die USA und durch ganz Europa tourten und noch von 1934 bis Anfang der 1960er-Jahre in Brüssel ansässig waren, trugen dazu bei, dass weibliche Körper – insbesondere die Schwarzer Frauen – als Objekte gesehen und behandelt wurden.

Recherche und Text: Kristina Lowis

Zitierte Literatur:
_Anne Carol, Béatrice Hermitte: „Sciences, Arts et Progrès! Une visite au musée Spitzner en 1895“, in: Arts et Savoirs, 16, 2021 (https://doi.org/10.4000/aes.4305)


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
; Das Straßenbild der Stadt Paris wurde während der Belle Époque maßgeblich durch die Plakate von Jules Chéret geprägt. Seine Entwürfe prangten an Litfaßsäulen, Hauswänden oder Zäunen und läuteten das Zeitalter der Affichomanie mit ein – farblithografierte Plakate entwickelten sich zur Kunstform und wurden bald zu begehrten Sammelobjekten. Mit seinen bunten Reklamedrucken, für die er auf der Weltausstellung 1889 eine Goldmedaille erhielt, bewarb Chéret Tanzvorstellungen, Cafés, Ausstellungen, Mode oder Konsumgüter. Dabei traf sein Stil, der Elemente aus dem Neorokoko mit farblicher Abstraktion verknüpfte, den Zeitgeist des Umbruchs zum neuen Jahrhundert. (Text: Christina Dembny)

Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3600 Originalplakate aus den Jahren 1840 bis 1914, darunter rund 90 von Jules Chéret. Dieser herausragende Bestand, an dem sich die Vielfalt der Plakatkunst an den Übergängen von Historismus zu Jugendstil und Sachplakat ablesen lässt, wurde 2021 vollständig digitalisiert und online gestellt. Das Digitalisierungsprojekt wurde durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR ermöglicht.