Objektbeschreibung
Das große, zum Teil vollplastisch gearbeitete Relief zeigt einen sehr selten in dieser Dimension dargestellten Moment aus dem Wochenbett Maria, in dem das Jesuskind gebadet wird. Die gesamte Szene wird von einem relativ hohen schlichten Sockel getragen, der links nach vorn hin weit vorspringt, sodass die hier kniende Amme auf ihm Platz findet. Bildbeherrschend ist das massive und hohe Bett, das nach links, zum Kopfende hin, perspektivisch ansteigt und mit einem schweren Tuch bedeckt ist, dessen regelmäßig wellenförmige Falten weit, aber nicht bis zum Boden herabreichen. Auf dem Bett lagert Maria, von zwei Kissen am Kopfende gestützt und von einem Tuch bedeckt, dessen dünnerer Stoff durch Raffungen und Umschläge in lebendige Falten gelegt ist und unter dem sich Beine und rechter Fuß der Muttergottes abzeichnen.
Maria sitzt aufrecht, mit beiden Händen umfasst sie das nackte Kind und reicht es der Amme herab. Diese ist im Begriff, es mit emporgestreckten Armen behutsam entgegenzunehmen, indem sie das rechte Füßchen und die linke Hand ergreift. Die Übergabe ist ausgesprochen sorgfältig geschildert, das Kind noch nicht aus dem sichernden Griff der Mutter gelöst, die Entgegennahme durch die der Amme bahnt sich erst an. Dadurch berührt sie den Knaben eher, als dass sie ihn stützen würde, wozu auch das Ergreifen von Fuß und Hand – anstelle des Körperschwerpunkts – keineswegs geeignet wäre. Somit wirken die Berührungen der Amme eher wie Liebkosungen von Hand und Fuß Jesu.
Die Physiognomien sind genau ausgearbeitet, sodass sich die jeweilige seelische Verfassung, soweit sich dies noch sagen lässt, gut ablesen lässt. Das hohe, schöne Antlitz Marias konzentriert sich auf ihr Kind; es ist von hoheitsvoller Ruhe geprägt, allenfalls ein leichtes LäIcheln umspielt die Lippen. Ob auch eine melancholische Note mitschwang, wofür die Andeutung der Passion durch die Gestik spräche, lässt sich kaum noch sagen. Die Amme hingegen zeigt in Erwartung der Entgegennahme des Kindes ein freudvolles Gesicht. Am eindrucksvollsten aber ist wohl das Antlitz Josefs, das allein schon durch den mächtigen, anliegenden und sternförmig auf der Brust ausgebreiteten Bart viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Gesicht des deutlich als alter Mann charakterisierten Nährvaters spiegelt sich sein unruhiger Schlaf: Die Augenbrauen sind zusammengezogen, die Nasenwurzel liegt in Falten. Die auffällige Abwendung des Gesichts von der Badszene und die angedeutete Schrittstellung der wie inszeniert wirkenden Stiefel machen es sehr wahrscheinlich, dass die Josefsfigur motivisch und inhaltlich zu einer rechts anschließenden Szene überleiten sollte. Bei dieser kann es sich am ehesten um die Flucht nach Ägypten gehandelt haben; der unruhige Schlaf Josefs deutet auf das Erscheinen des warnenden Engels in seinem Traum (Mt 2,13), der ihm die Flucht befiehlt, worauf möglicherweise die Stiefel anspielen.
(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen und im Alpenraum 1380 bis 1440. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2019)