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Kirmes am St. Georgstag


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Objektbeschreibung

Kirmes, d.h. Kirchmesse, war ursprünglich Erinnerungstag an die Kircheinweihung, die meist mit dem Festtag für den jeweiligen Kirchenpatron zusammenfiel. Die Festlichkeiten, die die Bauern zu diesem Anlaß veranstalteten, überwucherten die kirchliche Zeremonie vollständig; man feierte so exzeßhaft und ausgiebig, an jedem Ort mehrere Tage, und natürlich zu unterschiedlichen Terminen, da man verschiedene Schutzheilige verehrte! - daß Karl V. die Beschränkung auf einen Festtag einführen wollte. Der Widerspruch gipfelte immer in dem Spruch, den wir auf der St. Georgsfahne rechts lesen laet die boeren haer Kermis houuen - laßt die Bauern ihre Kirmes haben. Wenn Städter so sprachen, geschah es auch aus Egoismus: zwar vom Selbstbewußtsein ihres höheren Standes und der städtischen Kultur sahen sie auf die ungehobelten Bauern herab, aber doch liebten sie, deren ausschweifende Feste zu besuchen, die nie ohne Blutvergießen endeten.
Über dem Dach links sieht man eine Messerstecherei der erhitzten Bauern, die von ihren Frauen vergeblich beruhigt werden. In der Ferne an der Mühle Taubenschießen. Zentral eine Prozession in die Kirche; über das Mäuerchen nach vorn beobachtet man ein Spiel vom Drachenkampf des Hl. Georg. Davor ein Schwertertanz. Rechts vorn der Dorfkrug mit fröhlichem Tanz, dahinter aufgeschlagene Verkaufsstände, Straßentheater. Vieles bedarf sicher einer volkskundlichen Deutung.
Die Vorzeichnung Pieter Bruegels ist nicht erhalten. Er hatte sie dem großen Antwerpener Verleger Hieronymus Cock übergeben, der sie von einem Berufsstecher vervielfältigen ließ. In diesem glaubt man einen der Brüder Duetecum zu erkennen, die berühmt dafür waren, mit der Radierung die Wirkung des Grabstichels täuschend nachahmen zu können. Es ist eine interessante Erscheinung in den graphischen Künsten, daß nach dem ersten Höhepunkt der Stichtechnik durch Dürer
und Lucas van Leyden (um 1500-1530) eine geschäftliche Vervielfältigungssucht in so großem Maßstab einsetzte, daß die Künstler nicht mehr selbst die mühsame
und nur sklavisch treu wiederholende Stecharbeit leisten wollten. Handwerker hatten diesen Dienst zu tun, und anscheinend bemerkte man nur langsam, daß dies
auf Kosten einer lebendig inspirierten Wiedergabe ging. Bruegel z.B. hat nur eine seiner Zeichnungen selbst radiert (Kat. IV.23)! Erst mit Goltzius u. schließlich Rembrandt setzt wieder die Reihe der genialen Maler-Radierer des 17. Jahrhunderts in Holland ein, die ihre Entwürfe selbst auf die Platte brachten.

Text: Hans Mielke in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 181f., Kat. IV.20 (mit weiterer Literatur)