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Mazeppa Engelhardt


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Objektbeschreibung

Mit Tabakmanufakturen in Kairo und Bremen war Leopold Engelhardt ein Hoflieferant des Khedive in Ägypten. Dieser Titel kam nach der Eroberung des Landes durch das Osmanische Reich im 16. Jahrhundert den eingesetzten Gouverneuren der ägyptischen Provinz zu. Engelhardt hatte gemeinsam mit Friedrich Biermann 1863 in Verden eine Zigarettenfabrik unter seinem Namen gegründet, in deren Auftrag auch dieses Werbeplakat von Hans Rudi Erdt entstand. Ein rechts darauf abgebildeter Kopf kontrastiert in dunklen Farben mit dem weißen Hintergrund. Mit halb gesenkten Augenlidern schaut der bärtige Dargestellte den Betrachtenden in die Augen. Er trägt eine haarige schwarze Struktur auf dem Haupt, die eine hohe, tief in die Stirn gezogene Fellmütze sein könnte oder aber eine hochgestellte Frisur aus seinem eigenen Haar. Darüber steht in roten Lettern der Markenname der Zigarette: Mazeppa. 

Der Name bezieht sich auf die historische Figur des Iwan Stepanowitsch Mazeppa (1639–1709, auch: Masepa), dessen Laufbahn ihn zunächst an den Hof des polnischen Königs Johann Kasimir führte. Später wurde er zum Heerführer der Saporoger Kosaken ernannt. Wechselweise als zarentreuer Volksheld verehrt und rebellischer Verräter verdammt, ranken sich viele Legenden um seine Person: Er galt als einer der reichsten Grundbesitzer seiner Zeit, als ukrainischer Held von hoher Intelligenz und großer Attraktivität, der auf der Suche nach Abenteuern durch Europa zog. Als Page des Königs wurde er 1663 mit der Frau eines Adligen beim Ehebruch erwischt und mit spektakulärer Geste vom polnischen Hof verjagt: Man band ihn nackt und rücklings auf sein Pferd und ließ das Tier frei laufen. Mazeppa überlebte und wurde zurück in die Ukraine gebracht. Seine dortige Karriere in den Reihen der Kosaken ließ ihn, dank der in Polen erworbenen Bildung, zum Sekretär und Adjutanten aufsteigen. Als der Hetman (Feldherr) Samojlowytsch im Juli 1687 nach seinem erfolglosen Krimfeldzug abgesetzt wurde, ernannte man Mazeppa per Volkswahl zu seinem Nachfolger. Er diente dem Zaren Peter I. im Großen Nordischen Krieg gegen die Schweden und hielt Separatisten in Schach, bis er 1707 die Seiten wechselte. Mit einigen wenigen Gefolgsleuten unter den Kosaken schloss er sich dem schwedischen König Karl XII. an und beteiligte sich am Aufstand gegen Moskau. In der Schlacht bei Poltawa von 1709 wurden die vereinigten Truppen von der Armee Peters I. besiegt, und Mazeppa floh mit dem Schwedenkönig in osmanisches Gebiet, wo er noch im selben Jahr starb.

Die Figur des Iwan Mazeppa hat diverse Künstler, Musiker und Schriftsteller inspiriert, darunter Franz Liszt, Juliusz Słowacki, Rainer Maria Rilke, Alexander Puschkin und Voltaire. Auch Lord Byron wurde zu einem 1818 veröffentlichten Roman angeregt, der wiederum Inspirationsquelle für Maler der Romantik war, angefangen bei Théodore Géricault. In Victor Hugos 1829 veröffentlichter Gedichtsammlung „Les Orientales“ taucht Mazeppa in einem dem jungen Maler Louis Boulanger gewidmeten Gedicht auf. Boulanger, der heute kaum noch bekannt ist, hatte 1827 mit einem großformatigen Gemälde über Mazeppas Leiden, nackt auf dem Pferderücken, einen frühen Erfolg. 

Auch die meisten anderen Bildkunstwerke, die von Mazeppas Biografie inspiriert sind, konzentrieren sich auf diese Episode seines Lebens. In motivisch freier Kombination mit Darstellungen der legendären Reitkünste der Kosaken, fand die Figur im 19. Jahrhundert Eingang in die Massenkultur – von Kupferstichen und Zirkusvorstellungen bis zu Streichholzschachteln. Das Plakat von Erdt steht in dieser Tradition. Während Mazeppa in der Malerei des Klassizismus beziehungsweise Neoklassizismus jedoch als weißer, starker und attraktiver Mann, blond und bartlos, oft auf einem weißen Pferd dargestellt ist, wird er auf diesem Plakat zur wilden, „bedrohlich“ dreinschauenden Figur mit überdimensionaler Kopfbedeckung. Zigaretten der Marke Mazeppa machen Raucher zu feurig-unabhängigen Kosakentypen – so kann die Botschaft dieser Werbung wohl gedeutet werden.

Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop und Christina Thomson

Ausgewählte Quellen:
_Archives du Musée des Beaux-Arts (https://mbarouen.fr/fr)


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/