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Liebig Company's Fleisch-Extract


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Objektbeschreibung

Das Plakat für den „Fleisch-Extract“ der Justus Liebig’s Company ist Teil einer wahren Bildoffensive zugunsten des Kolonialismus. Seine Viehherde im Rücken, blickt ein rauchender Viehzüchter zu Pferde die potentiellen Käufer*innen an und warnt vor Fälschungen – mit dem Hinweis, das Produkt sei „nur aecht, wenn jeder Topf den Namenszug J. Liebig in blauer Farbe trägt“. Die Konkurrenz schlief nicht, insbesondere auf dem internationalen Markt, auf dem Liebig’s agierte. 

In Europa gab es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wenig, in Südamerika hingegen sehr viele Rinder und somit Fleisch. Der Import gestaltete sich aufgrund der Konservierung während der langen Überfahrt allerdings schwierig. Der Chemiker Justus Liebig (1803–1873) erfand in den 1850er-Jahren einen neuen Weg, Fleisch zu konservieren. Mit einem Geschäftspartner reduzierte er seit den 1860er-Jahren 32 Kilogramm Fleisch von Rindern auf 1 Kilogramm des neuartigen und transportablen Produkts und wurde mit diesem (später als „Oxo“ firmierenden) „Fleischextrakt“ weltweit ausgesprochen erfolgreich. Tatsächlich handelte es sich bei Liebig’s um ein multinationales Unternehmen, mit einem deutschen Gründer, britischem Kapital und Viehzucht samt industriellen Fleischverarbeitungsanlagen in Uruguay. 

Die Rinder, die auf dem Plakat in einer friedvoll-grünen Landschaft vorbeiziehen, weideten in Wirklichkeit auf dem gestohlenen Gebiet der indigenen Bevölkerung der Charrúa: Diese wurde im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts enteignet und versklavt. Zuvor hatten sie gegen die spanischen Kolonialisten gekämpft und geholfen, 1828 die Unabhängigkeit Uruguays zu erringen. Lokale Machthaber und Großgrundbesitzer, die die Nachfolge der Kolonisatoren antraten, ermordeten die meisten Charrúa im „Massaker von Salsipuedes“. Vier von letzteren wurden 1833 in Paris „ausgestellt“, wo sie im gleichen Jahr starben. Von ihren Körpern wurden Gipsabgüsse hergestellt, Teile im Pariser Naturkundemuseum aufbewahrt und erst 2002 partiell restituiert. Nachfahren der Charrúa versuchen bis heute, der Auslöschung ihrer Gemeinschaft und ihrer Geschichte entgegenzuwirken. 

Die Firma Liebig bewarb unterdessen die europäischen Kolonialunternehmungen, indem sie neben Plakaten zahllose Sammelbildchen in Umlauf brachte, die serienweise organisiert die Protagonisten der Kolonisierung sowie die Kolonialtruppen verherrlichte. Zwischen 1872 und 1940 entstanden 1138 Serien mit rund 7000 Bildern, die exemplarisch verdeutlichen, „wie (Kolonial-)Geschichte mit visuellen Mitteln verharmlost, geschönt und in eurozentrischer Weise uminterpretiert, um nicht zu sagen enthistorisiert wurde“ (Zeller 2008, S. 11). Nachgerade zynisch wirkt ein weiteres Werbemotiv für Liebig’s, das Anfang der 1890er-Jahre einen verhungernden Schwarzen Mann zeigte, der durch weiße Imperialisten mithilfe von Liebig’s Fleischextrakt gerettet wird. 

Das Massenmedium der Werbung wurde hier in den Dienst einer Wirtschaftsform und Konsumgesellschaft gestellt, deren Auswirkungen (Krankheiten hervorrufende Massentierhaltung, übermäßiger Fleischverzehr, Raubbau an Mensch und Natur) heute immer deutlicher hervortreten. Bei der Vermarktung des Fleischextrakts wurden der Nährwert und die kräftigende, medizinische Wirkung betont. Verschwiegen wurden hingegen die desaströsen Machtverhältnisse, welche die Bedingung für die Produktion derartiger Güter waren.

Recherche und Text: Kristina Lowis

Zitierte Literatur: 
_Joachim Zeller: Bilderschule der Herrenmenschen. Koloniale Reklamebilder, Berlin 2008

Ausgewählte Quellen:
_Judith Blume: Wissen und Konsum. Eine Geschichte des Sammelbildalbums 18601–952, Göttingen 2019


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters