Tucher-Bräu Nürnberg
Objektbeschreibung
Die beiden Plakate der Freiherrlich von Tucherschen Brauerei Nürnberg, die der Schriftgrafiker und Kunstmaler Otto Hupp um 1880 und 1897 gestaltete, sind ein typisches Beispiel für die Werbeästhetik des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die stark von zeitgenössischen kulturellen und gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt ist. Die Bildsprache bedient sich kolonial unterfütterter rassistischer Narrative, die heute kritisch betrachtet werden müssen. Dargestellt ist die von Hupp entworfene Bildmarke der Brauerei: der Profilkopf eines Schwarzen Mannes in einem kreisrunden Ring, der im oberen Teil zur schlanken Krone ausgeformt ist. Im früheren Plakat (ID 2716458) füllt das Markenzeichen das gesamte quadratische Format, in diesem späteren Querformat wird es von dem Schriftzug „Tucher-Bräu Nürnberg“ gerahmt. Die bereits 1672 gegründete Brauerei war 1855 von einer Stiftung der reichen Patrizierfamilie der Tucher von Simmelsdorf erworben worden, die das Unternehmen nach sich benannten, den Kopf aus ihrem Familienwappen in das Firmenzeichen übernahmen und obenauf eine Freiherrenkrone setzten. Im Tucherwappen, das seit dem Mittelalter nachgewiesen ist, steht die Figur vermutlich für den Heiligen Mauritius. Tucher-Bier wird immer noch in Nürnberg gebraut, und es führt bis heute ein rundes Logo mit bekröntem Schwarzen Profilkopf.
Ohne dieses Geschichtswissen zur Firma – das vermutlich kein Allgemeinplatz unter Biertrinker*innen ist – erinnert das Motiv an traditionelle Darstellungen der „Heiligen Drei Könige“ in der christlichen Ikonografie, die seit dem 14. Jahrhundert symbolisch drei Kontinente repräsentiert: der alte Melchior für Europa, der junge Caspar für Asien und Balthasar für Afrika, ein Mann mittleren Alters. Im Plakat wäre es also der afrikanische König, der zu sehen ist. In der Geschichte der Dreikönigsikonografie ist auffällig, wie sich eine vormals ebenbürtige Behandlung der drei Figuren mit dem 18. und 19. Jahrhundert, unter dem Einfluss neuer rassistisch-pseudowissenschaftlicher Lehren, zu kolonial geprägten Stereotypen hin verschiebt. Auch Werbemotive lassen dies erkennen, etwa das 1912 von Otto Obermeier gestaltete Plakat für das „Drei König-Bier“ der Mathäser-Brauerei München (ID 2822515), in dem die Bildtradition der Heiligen Drei Könige mit humoristischen, folkloristischen und karikaturhaften Elementen vermischt wird: Angeführt von einem Putto, treten die Drei Weisen hier mit Gaben wie Bierkrug, Brauzutaten und Terrine auf, begleitet von einem bemützten Kamel. Der dunkelhäutige König wird durch Kleidung, Körperhaltung und Blickrichtung hervorgehoben, exotisiert und zum „Anderen“ gemacht. Auch Hupps früher Entwurf des Tucher-Bräu-Logos trägt karikierende Züge in der überzogenen Physiognomie. Das Plakat von 1897 nimmt dies zugunsten einer realistischeren Mauritius-Darstellung etwas zurück. Dennoch dient bei beiden Bierwerbungen der Einsatz der Figur nicht nur der Wiedererkennung, sondern auch der Übertragung kolonialer Vorurteile in den Werbekontext.
Im Fall von Tucher Bier spielt die Herkunft eine zentrale Rolle, denn hier wird ein in Deutschland produziertes Qualitätsprodukt beworben. Die Brauerei knüpfte in ihrer Selbstdarstellung an Nürnberger Brautradition und die Wertigkeit deutscher Braukunst an. Paradoxerweise wurde dieses national und regional verankerte Produkt in ein globales Szenario gesetzt, in dem das „Fremde“ in Form der exotisierten Figur auftritt, als illustrative Randerscheinung. Diese Verknüpfung von „Made in Germany“-Qualität mit kolonialer Bildsprache diente dazu, den heimischen Ursprung des Produkts durch die verknüpfende Kontrastierung mit „Fremdheit“ besonders hervorzuheben. Solche Darstellungen waren Teil einer Werbepraxis, die Exotismus als Blickfang nutzte und gleichzeitig gesellschaftliche Machtverhältnisse festigte. Das Plakat verweist damit nicht nur auf eine historische Epoche kolonialer Denkweisen, sondern auch auf die Rolle visueller Medien in der Konstruktion sozialer Hierarchien. Die Aktualität dieser Analyse liegt in der Notwendigkeit, solche Bildnarrative in historischen und heutigen Medien kritisch zu reflektieren. Während heute auf rassistische Werbemaskottchen und stereotype Bildsprache mehr und mehr verzichtet wird, ist es dennoch entscheidend, ein Bewusstsein für deren historische Wurzeln zu entwickeln, um den fortwirkenden Einfluss kolonialer Ideologien zu erkennen und zu durchbrechen.
Die beiden Tucher-Plakate bilden ein komplexes Geflecht aus Wappenkunde, christlicher Ikonografie, kolonialer Bildpolitik, rassistischen Stereotypen und der Vermarktung deutscher Qualitätsprodukte. Es verdeutlicht, wie eng Werbung, Kulturgeschichte und gesellschaftliche Machtstrukturen miteinander verwoben sind und wie wichtig es ist, diese Verbindungen heute offenzulegen.
Text und Recherche: Ibou Coulibaly Diop
Verwandte Werktexte:
_Drei König-Bier Mathäser (ID 2822515)
Weiterführende Quellen:
_Tucher Bräu GmbH & Co. KG (Hg.): Tradition und Braukunst aus Nürnberg, Nürnberg 2012
_Malte Hinrichsen: „From Œcumene to Trademark. The Symbolism of the ‚Moor‘ in the Occident“, in: Wolf D. Hund, Michael Pickering, Anandi Ramamurthy (Hg.): Colonial Advertising and Commodity Racism, Wien 2010, S. 145–170
_Heinz Schilling: Die Heiligen Drei Könige. Geschichte und Legende, München 2014
_Jürgen Osterhammel: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 2020
_Klaus Sachs-Hombach (Hg.): Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden, Frankfurt am Main 2005
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Pla-katen wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Ohne dieses Geschichtswissen zur Firma – das vermutlich kein Allgemeinplatz unter Biertrinker*innen ist – erinnert das Motiv an traditionelle Darstellungen der „Heiligen Drei Könige“ in der christlichen Ikonografie, die seit dem 14. Jahrhundert symbolisch drei Kontinente repräsentiert: der alte Melchior für Europa, der junge Caspar für Asien und Balthasar für Afrika, ein Mann mittleren Alters. Im Plakat wäre es also der afrikanische König, der zu sehen ist. In der Geschichte der Dreikönigsikonografie ist auffällig, wie sich eine vormals ebenbürtige Behandlung der drei Figuren mit dem 18. und 19. Jahrhundert, unter dem Einfluss neuer rassistisch-pseudowissenschaftlicher Lehren, zu kolonial geprägten Stereotypen hin verschiebt. Auch Werbemotive lassen dies erkennen, etwa das 1912 von Otto Obermeier gestaltete Plakat für das „Drei König-Bier“ der Mathäser-Brauerei München (ID 2822515), in dem die Bildtradition der Heiligen Drei Könige mit humoristischen, folkloristischen und karikaturhaften Elementen vermischt wird: Angeführt von einem Putto, treten die Drei Weisen hier mit Gaben wie Bierkrug, Brauzutaten und Terrine auf, begleitet von einem bemützten Kamel. Der dunkelhäutige König wird durch Kleidung, Körperhaltung und Blickrichtung hervorgehoben, exotisiert und zum „Anderen“ gemacht. Auch Hupps früher Entwurf des Tucher-Bräu-Logos trägt karikierende Züge in der überzogenen Physiognomie. Das Plakat von 1897 nimmt dies zugunsten einer realistischeren Mauritius-Darstellung etwas zurück. Dennoch dient bei beiden Bierwerbungen der Einsatz der Figur nicht nur der Wiedererkennung, sondern auch der Übertragung kolonialer Vorurteile in den Werbekontext.
Im Fall von Tucher Bier spielt die Herkunft eine zentrale Rolle, denn hier wird ein in Deutschland produziertes Qualitätsprodukt beworben. Die Brauerei knüpfte in ihrer Selbstdarstellung an Nürnberger Brautradition und die Wertigkeit deutscher Braukunst an. Paradoxerweise wurde dieses national und regional verankerte Produkt in ein globales Szenario gesetzt, in dem das „Fremde“ in Form der exotisierten Figur auftritt, als illustrative Randerscheinung. Diese Verknüpfung von „Made in Germany“-Qualität mit kolonialer Bildsprache diente dazu, den heimischen Ursprung des Produkts durch die verknüpfende Kontrastierung mit „Fremdheit“ besonders hervorzuheben. Solche Darstellungen waren Teil einer Werbepraxis, die Exotismus als Blickfang nutzte und gleichzeitig gesellschaftliche Machtverhältnisse festigte. Das Plakat verweist damit nicht nur auf eine historische Epoche kolonialer Denkweisen, sondern auch auf die Rolle visueller Medien in der Konstruktion sozialer Hierarchien. Die Aktualität dieser Analyse liegt in der Notwendigkeit, solche Bildnarrative in historischen und heutigen Medien kritisch zu reflektieren. Während heute auf rassistische Werbemaskottchen und stereotype Bildsprache mehr und mehr verzichtet wird, ist es dennoch entscheidend, ein Bewusstsein für deren historische Wurzeln zu entwickeln, um den fortwirkenden Einfluss kolonialer Ideologien zu erkennen und zu durchbrechen.
Die beiden Tucher-Plakate bilden ein komplexes Geflecht aus Wappenkunde, christlicher Ikonografie, kolonialer Bildpolitik, rassistischen Stereotypen und der Vermarktung deutscher Qualitätsprodukte. Es verdeutlicht, wie eng Werbung, Kulturgeschichte und gesellschaftliche Machtstrukturen miteinander verwoben sind und wie wichtig es ist, diese Verbindungen heute offenzulegen.
Text und Recherche: Ibou Coulibaly Diop
Verwandte Werktexte:
_Drei König-Bier Mathäser (ID 2822515)
Weiterführende Quellen:
_Tucher Bräu GmbH & Co. KG (Hg.): Tradition und Braukunst aus Nürnberg, Nürnberg 2012
_Malte Hinrichsen: „From Œcumene to Trademark. The Symbolism of the ‚Moor‘ in the Occident“, in: Wolf D. Hund, Michael Pickering, Anandi Ramamurthy (Hg.): Colonial Advertising and Commodity Racism, Wien 2010, S. 145–170
_Heinz Schilling: Die Heiligen Drei Könige. Geschichte und Legende, München 2014
_Jürgen Osterhammel: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen, München 2020
_Klaus Sachs-Hombach (Hg.): Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden, Frankfurt am Main 2005
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Pla-katen wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/