Uncle Tom's Cabin. Topsy
Objektbeschreibung
Die vermutlich um 1910 von Ackerman-Quigley in Kansas gedruckte Serie von sechs Theaterplakaten zeigt Szenen aus einer Bühnenadaptation des Romans „Uncle Tom’s Cabin“ von Harriet Beecher Stowe (1811–1896). Dieser 1852 erschienene Bestseller des 19. Jahrhunderts schildert eindringlich die unmenschlichen Lebensbedingungen versklavter Menschen in den Südstaaten der USA. Historischer Hintergrund war der Streit um die Abschaffung der Sklaverei. Zugespitzt wurde die Situation durch ein 1850 erlassenes Gesetz, das eine Rückführung geflüchteter versklavter Menschen zu ihren „Besitzern“ in den Südstaaten legalisierte. Das Buch war ausgesprochen einflussreich, wurde und wird jedoch auch kontrovers diskutiert: Denn die Erzählung arbeitet trotz der humanitären Botschaft mit rassistischen Stereotypen.
Die Geschichte beginnt auf dem Anwesen der Familie Shelby, die aus Geldgründen zwei der Menschen in ihrem Besitz, den alten Tom und den kleinen Harry, verkaufen will. Als Harrys Mutter Eliza von dem Plan erfährt, beschließt sie zu flüchten. Tom hingegen will bleiben, wie er in der Nachtszene (ID 14061598) beteuert: „No, no, I ain’t going. Let Eliza go, it’s her right.“ So ergreift Eliza – auf dem Plakat aus einer Taverne kommend (ID 2746383) – mit Harry auf dem Arm die Flucht. Um sie wieder einzufangen, wird ein Suchtrupp losgeschickt: Im Porträt ist der „Sklavenfänger“ Marks dargestellt (ID 2662380), dessen offenkundig geschminktes Gesicht seinen zweifelhaften Charakter verrät. Im Buch läuft er davon, als sein Chef angeschossen wird. Der versklavte Schwarze Mann, Onkel Tom, wird an Herrn St. Clare verkauft. Bereits im Besitz von dessen Familie ist das Mädchen Topsy (ID 2661399), hier dargestellt in einer Szene mit den Schmuckbändern ihrer „Besitzerin“, Miss Ophelia („Feely“). Mit ihrem zerrissenen Kleid, nackten Füßen und strubbeligem Haar wird die fürs Theater oft aufgewertete Figur im Plakat als Klischee der erziehungsbedürftigen „Wilden“ dargestellt. Im Gegensatz dazu trägt Onkel Tom auf einem anderen Bild (ID 2662379) einen tadellosen schwarzen Anzug und einen Kranz Rosen auf dem Haupt. Dabei hält er die kleine blonde Eva St. Clare, die Tochter seines „Besitzers“, an den Händen. In beiden Ansichten blickt Marie St. Clare, Evas hartherzige Mutter, entsetzt auf die Schwarzen Menschen und ihr Gebaren. In einer letzten Szene (ID 2746385), die den christlichen Missionierungsdrang des Buchs widerspiegelt, fährt Eva nach ihrem frühen Tod in den Himmel auf, wo sie von Engeln in Empfang genommen wird.
Auf jedem der sechs Plakate sind oben zwei Porträt-Medaillons zu sehen: Eines zeigt Abraham Lincoln (1809–1865, seit 1860 Präsident der USA), das andere die Autorin Harriet Beecher Stowe. Der Legende nach soll Lincoln bei seiner Begegnung mit Beecher Stowe gesagt haben: „Dies ist also die kleine Dame, die diesen großen Krieg ausgelöst hat.“ Gemeint ist der Bürgerkrieg (1861–1865), der in den USA infolge des Austritts von Südstaaten aus der Union geführt wurde. Diese Staaten hatten sich angesichts der Abschaffung der Sklaverei zu einer Konföderation zusammengeschlossen und sich eine eigene Verfassung gegeben, die eine solche Versklavung von Menschen – unter anderem zum Erhalt der nahezu kostenlosen Arbeitskraft auf den Baumwollplantagen – explizit vorsah.
Es gab zahllose Bühnenadaptionen von „Uncle Tom’s Cabin“: Einige von ihnen entfernten sich so weit vom Ausgangstext, dass sie nicht einmal mehr die abolitionistische Kernbotschaft Beecher Stowes transportierten, sondern nur stark an „Minstrel Shows“ angelehnte, klamaukige Abenteuergeschichten mit Karikaturen von Schwarzen Menschen vorführten (vgl. University of Virginia 2009). Auch Beecher Stowes Text ist stark von klischeehaften und abwertenden Darstellungsweisen geprägt: etwa in der Wiedergabe der fehlerhaften Sprache von Schwarzen Menschen oder Aussagen über Intellekt und Wert des Menschen, abhängig von ihrer Hautfarbe. Die Autorin plädierte auch dafür, dass Schwarze Menschen getrennt von weißen in einem eigenen Staat – wie dem 1822 gegründeten Liberia – leben sollten. Trotz des enormen internationalen Erfolgs und seiner Bedeutung für die politische Debatte erntete das Buch Kritik von prominenter Seite. Knapp einhundert Jahre nach seinem Erscheinen schrieb der bedeutende US-Schriftsteller James Baldwin in seinem Text „Everybody’s Protest Novel“ (Baldwin 1949), es handle sich um einen sehr schlechten Roman, der sich in selbstgerechter Gefühlsduselei und mittelalterlicher Moralität ergehe. Baldwins Analyse zeigt die wertende Abstufung von Hautfarben im Roman auf: von der engelsgleichen Eva bis zu Tom, einem Analphabeten, „rabenschwarz, mit wolligem Haar“, der den weißen Menschen nur „durch Unterwürfigkeit und permanente Selbstkasteiung“ näherkommen kann. Seither hat sich der Begriff „Uncle Tom“ verselbständigt und steht heute abwertend für Schwarze Menschen, die sich besonders gefällig und devot gegenüber weißen Menschen verhalten.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Zitierte Literatur:
_James Baldwin: „Everybody‘s Protest Novel“, in: Partisan Review, Vol. XVI, Juni 1949, S. 578–585
_University of Virginia: Uncle Tom’s Cabin and American Culture, 2009 (http://utc.iath.virginia.edu/)
Ausgewählte Quellen:
_Harriet Beecher Stowe: Uncle Tom’s Cabin, Boston 1852
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/