Les pilules du diable. Pezon et ses six lions
Objektbeschreibung
Das 19. Jahrhundert stellte nicht nur die Hochphase der Gründung zoologischer Gärten in Europa dar, sondern war auch das Zeitalter der Tierbuden und Zirkusschauen. Impresarios wie der Franzose Baptiste Pezon (1827–1897), auch „le Père Pezon“ (Vater Pezon) oder nur „Pezon“ genannt, reisten mit ihren Tierschauen und Dressurakten durch die Städte. Pezon etwa gastierte mit seiner Löwenschau, für die dieses Plakat des Karikaturisten Paul Hadol wirbt, 1874 im Pariser Théâtre du Chatelet. Später hatte er einen großen Auftritt bei der Pariser Weltausstellung von 1889. Er leitete aber auch einen eigenen Tierpark in Montreuil-sous-Bois, die Grande Ménagerie Lozérienne, in der neben Löwen auch Tiger und Pumas bestaunt werden konnten, ebenso wie Bären, Affen und eine Hyäne. Zeitungsinserate warben mit der großen Wildheit und Gefährlichkeit dieser Tiere, die nicht in Frankreich akklimatisiert seien und nur ihrem Dompteur gehorchten. Entsprechend stellt auch Hadols Plakat die Gruppe im Kreis laufender und auf Betrachtende scheinbar zuspringender Löwen und Löwinnen mit böser Miene dar.
Besonders bekannt war Pezon für seine Dressurakte mit dem Löwen Brutus, den, wie es in Pezons Todesanzeige heißt, ganz Frankreich kannte. Vermutlich ist es auch Brutus, auf dem Pezon hier in seinem charakteristischen Outfit mit Flanellhemd, Samthose und rotem Taillenband im Zentrum des Plakats reitet. Der Löwe stand verschiedenen Künstlern Modell, darunter Frédéric Bartholdi („Lion de Belfort“, 1880) und Toulouse Lautrec. Auch ist er zusammen mit Pezon auf dessen Familiengrabmal auf dem Friedhof Père Lachaise dargestellt. Seinen ersten Löwen hatte Pezon 1848 in Paris erworben. Über Brutus ist bekannt, dass er aus dem nordafrikanischen Atlasgebirge stammte, womöglich also aus der französischen Kolonie Algerien. Oft wurden solche Tiere von Tierfängern und Großwildjägern, teils auch durch Kolonialbeamte, in europäischen Kolonialgebieten gejagt, gefangen und über weite Strecken nach Europa transportiert. Die weißen Tierfänger waren dabei auf das Wissen der lokalen Bevölkerung angewiesen, wo und wie Tiere am besten zu fangen seien. Auch waren es meist Einheimische, die sich als Tierpfleger während des Transports um die Tiere kümmern mussten. In Dressurakten wurde dann die Bezwingung der „wilden“ Natur inszeniert. Dies lässt sich auch als Metapher lesen für die Aneignung kolonisierter Gebieter durch europäische Industrienationen und ihre moderne „Zivilisation“. Interessanterweise vermerkte ein Kommentator, dass der Löwe Brutus die Späße, die Pezon mit ihm trieb, zu durchschauen und sich dabei zu amüsieren schien.
Text und Recherche: K. Lee Chichester
Verwandte Werktexte:
_Besuchet den Tiergarten (ID 2713407)
Ausgewählte Quellen:
_„Pezon: entrée de cage avec Brutus et Flambeau“, in: BnF CNAC Encyclopédie des arts du cirque, online unter: https://expositions.bnf.fr/cnac/grand/cir_2593.htm (Zugriff am 11.10.2024)
_„Obsèque du dompteur Pezon“, in: Le Petit journal. Supplément du dimanche (28.11.1897), S. 383, online unter: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k7162545/f7.item.zoom (Zugriff am 11.10.2024)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Besonders bekannt war Pezon für seine Dressurakte mit dem Löwen Brutus, den, wie es in Pezons Todesanzeige heißt, ganz Frankreich kannte. Vermutlich ist es auch Brutus, auf dem Pezon hier in seinem charakteristischen Outfit mit Flanellhemd, Samthose und rotem Taillenband im Zentrum des Plakats reitet. Der Löwe stand verschiedenen Künstlern Modell, darunter Frédéric Bartholdi („Lion de Belfort“, 1880) und Toulouse Lautrec. Auch ist er zusammen mit Pezon auf dessen Familiengrabmal auf dem Friedhof Père Lachaise dargestellt. Seinen ersten Löwen hatte Pezon 1848 in Paris erworben. Über Brutus ist bekannt, dass er aus dem nordafrikanischen Atlasgebirge stammte, womöglich also aus der französischen Kolonie Algerien. Oft wurden solche Tiere von Tierfängern und Großwildjägern, teils auch durch Kolonialbeamte, in europäischen Kolonialgebieten gejagt, gefangen und über weite Strecken nach Europa transportiert. Die weißen Tierfänger waren dabei auf das Wissen der lokalen Bevölkerung angewiesen, wo und wie Tiere am besten zu fangen seien. Auch waren es meist Einheimische, die sich als Tierpfleger während des Transports um die Tiere kümmern mussten. In Dressurakten wurde dann die Bezwingung der „wilden“ Natur inszeniert. Dies lässt sich auch als Metapher lesen für die Aneignung kolonisierter Gebieter durch europäische Industrienationen und ihre moderne „Zivilisation“. Interessanterweise vermerkte ein Kommentator, dass der Löwe Brutus die Späße, die Pezon mit ihm trieb, zu durchschauen und sich dabei zu amüsieren schien.
„Les pilules du diable“ (wörtlich: „Die Teufelspillen“) war der Titel eines populären Spektakels, das seit seiner Uraufführung 1839 im Cirque Olympique das Pariser Publikum mit Musik, Tanz, Akrobatik, magischen Bühnenmaschinen und aufwändigen Effekten beglückte. Bei der Aufführung im Théâtre du Châtelet war Pezons Dressurschau mit sechs Löwen ein extra beworbener Programmpunkt der Schau.
Verwandte Werktexte:
_Besuchet den Tiergarten (ID 2713407)
Ausgewählte Quellen:
_„Pezon: entrée de cage avec Brutus et Flambeau“, in: BnF CNAC Encyclopédie des arts du cirque, online unter: https://expositions.bnf.fr/cnac/grand/cir_2593.htm (Zugriff am 11.10.2024)
_„Obsèque du dompteur Pezon“, in: Le Petit journal. Supplément du dimanche (28.11.1897), S. 383, online unter: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k7162545/f7.item.zoom (Zugriff am 11.10.2024)
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/