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Sigaren W. G. Boele, Senior Hofleverancier Kampen


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Objektbeschreibung

Ein eleganter Herr in zeittypischer Kleidung, ein Hauch von Rauch und der goldene Schriftzug „Sigaren“ – das Werbeplakat von W.G. Boele Senior, Hoflieferant in Kampen (Niederlande) zwischen 1847 und 1897, ist weit mehr als ein bloßes Reklamemedium. Es handelt sich um ein kunstvoll gestaltetes Zeugnis bürgerlicher Genussfreude und Zigarrenkultur des späten 19. Jahrhunderts. Gestaltet wurde es vom niederländischen Künstler Carel Adolph Lion Cachet (1864–1945), einem Pionier der modernen Gebrauchsgrafik. Dessen Stil verbindet dekorative Gestaltung mit klarer Werbeaussage: Qualität, Tradition und gesellschaftlicher Rang. Dass Boele den Titel Hofleverancier trug, unterstreicht diese Botschaft als Ausdruck handwerklicher Exzellenz und königlicher Wertschätzung. Die visuelle Komposition des Plakats vermittelt Würde und Selbstbewusstsein: kunstvolle Typografie, ein fein ausgearbeitetes Porträt und eine harmonische Farbgebung machen das Motiv zu einem Blickfang. Werbung fungiert hier nicht nur als Informationsträger, sondern auch als Statussymbol. Das Plakat ist damit nicht nur ein historisches Dokument, sondern zugleich ein frühes Beispiel für Markenbildung und für die Verbindung von Kunst, Handwerk und kommerzieller Kommunikation.

Tabakwerbung hatte lange Zeit einen festen Platz im öffentlichen Raum – eine Praxis, die erst in jüngerer Vergangenheit in vielen Ländern untersagt wurde. Tabak, seit dem 16. Jahrhundert vom amerikanischen Kontinent durch europäische Seefahrer eingeführt, etablierte sich im 19. Jahrhundert gemeinsam mit Produkten wie Kaffee, Kakao, Tee, Zucker oder Gewürzen unter dem Begriff der sogenannten „Kolonialwaren“. Auch wenn nicht alle Rauchwaren im Deutschen Reich direkt aus deutschen (oder anderen europäischen) Kolonien stammten, ist ihre Bewerbung nur im Kontext globaler Importstrategien, industrialisierter Produktion und kapitalistischer Arbeitsverhältnisse zu verstehen. Koloniale Ausbeutung und prekäre Arbeitsbedingungen begleiteten diesen Prozess. Im Zuge der Industrialisierung entwickelte sich das einstige Luxusprodukt Tabak zur Massenware. Er wurde geschnupft, gekaut, geraucht – in Pfeifen, Zigaretten, Zigarren oder Zigarillos. Der nun erschingliche Preis führte zu einer Flut neuer Marken und zu einem Anstieg der Werbetätigkeit. 

Frühe Tabakwerbung lässt sich in motivische Typen einteilen. Neben dem auf Frauen und Florales fixierten Jugendstil-Plakat und dem produktfokussierten Sachplakat gab es zwei große Motivgruppen. Die meiste Werbung wählte „orientalisierende“ Markennamen und Bildmotive. Sie verdeutlichen, dass der in Deutschland verarbeitete Tabak vorwiegend aus der Türkei, Bulgarien oder Griechenland stammte. Zugleich inszenieren sie eine romantisierte Vorstellung des „Orients“, mit Kamelen, Turbanen, Fes, Kaftanen, Djellabas oder Moscheen. Diese ikonografischen Elemente entsprachen weniger der Realität der dargestellten Kulturen, sondern sind vielmehr visuelle Ankerpunkte von europäischen Projektionen. Der Begriff „Orient“ selbst, abgeleitet vom lateinischen sol oriens („aufgehende Sonne“), war nie eine geografische Realität, sondern eine Idee. Er diente als Gegenbild zum sogenannten „Okzident“ – gleichermaßen realgeografisch nicht existent und eine Idee – und wurde in wechselnden Zuschreibungen als arabisch-muslimisch konnotierter Kulturraum verstanden – als exotistische „Fremde“ und Projektionsfläche für westliche, christlich konnotierte Fantasien kultureller Überlegenheit. Eine zweite Motivgruppe in der Tabakwerbung war die des gepflegten weißen europäischen Gentlemans. Marken wie Dandy, Esquire, Doyen oder Cardinal warben mit Darstellungen stilvoller Herren – oft in Frack, mit Zylinder und weißen Handschuhen. In diesem Werbetypus ging es um soziale Abgrenzung und Klassendenken, in Unterscheidung zu „anderen“ Menschen, denen weniger „Kultiviertheit“ oder „Zivilisiertheit“ zugesprochen wurde. Zu dieser Gruppe zählt die Werbung für „Boele Sigaren“ – wenngleich der weiße Hut hier eine locker sommerliche Freizeitsituation suggeriert.

Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop

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//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Pla-katen wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/