Eine Harems-Nacht
Objektbeschreibung
Eine Hand hält ein Licht in das Dunkel hinein, im dreieckigen Lichtkegel kauert eine Frau mit nacktem Oberkörper vor schwarzem Hintergrund. Sie verbirgt ihr Gesicht in den Händen, ihr rotes welliges Haar fällt über den gesenkten Kopf nach vorn. Ein dunkler Stoff um ihren Unterkörper und der ornamentale Titelschriftzug bilden den dekorativen Unterbau der Figur. Das Motiv erzeugt Spannung und verspricht ein Drama mit erotischer Note – das Plakat soll „Lust machen“ auf einen Theaterbesuch. Das Theaterstück „Die Harems-Nacht“, ein für das Berliner Apollo-Theater geschriebenes „groteskes Scherzo in einem Akt von Mae Farahud“ (Zensurakte 1909), zeigt sich im Titel als Variation der überaus populären „Geschichten aus 1001 Nacht“. Die blasshäutige Rothaarige und ihre Haltung geben Anlass zu Spekulationen: Wurde die Weinende gar verschleppt und verkauft, wie Konstanze in Mozarts „Entführung aus dem Serail“, die im zweiten Akt von der Traurigkeit klagt, die ihr „ward zum Lose“? Die aus dem Dunkeln kommende Hand mit der Lampe unterstreicht die Passivität der Frau, die offenbar wie eine Ware beleuchtet und ausgewählt werden kann. Empfindet sie dabei Angst, wird dies als zusätzliche Berauschung eingesetzt.
Kaum ein anderer Raum hat im 19. Jahrhundert die europäische Fantasie so beflügelt wie der Harem. Er galt als Chiffre und Projektionsfläche für unterdrückte Sinnlichkeit und herbeigesehnte patriarchalische Machtverhältnisse. Männliche Künstler spekulierten in Text, Bild und Ton über Polygamie, enthemmte Sexualität, klare Rollenverteilung und die fremde Lebenswelt schlechthin. Der Harem wurde dabei als Topos des Orients Teil des prominent von Edward Said analysierten Konstrukts, mit dem sich Menschen im Okzident von jenen im diffusen Osten abgrenzen und sowohl „die Anderen“ als auch sich selbst definieren wollten. So galt „der Orient“ – stark schematisiert – als weiblich und schwach, irrational und rückständig, der Westen hingegen als männlich und stark, rational und fortschrittlich. Gelegentlich reproduzierten auch weibliche Kreative diesen Ideentopos unreflektiert.
Im Theater wurde – wie auch im Zirkus oder bei Völkerschauen – die Andersartigkeit einer Welt in Szene gesetzt, die den strengen Sitten der Gesellschaft im Deutschen Reich diametral gegenüberstand. Der offiziellen Prüderie der Bildkultur entgegen, bot der „orientalische“ Schauplatz die Freiheit, unbekleidete Frauen vorzuführen. Zahlreiche europäische Bühnenproduktionen des sogenannten langen 19. Jahrhunderts (bis 1914) sind Intrigen mit Sultan, Dolch und Diener, Teppichhändlern, schönen versklavten Frauen, wilden Despoten und guten (da zum Christentum und Kapitalismus bekehrten) Assistenzfiguren. Es sind Stücke, deren langfristige Wirkung zum Beispiel in der Art und Weise nachhallt, wie die Stellung von Frauen allein zwischen Männern verhandelt wird. Auch heute begründen viele Stimmen in Medien und Politik Gewalt gegen Frauen in Familien mit muslimischem Hintergrund reflexartig mit vermeintlich islamspezifischen Ehrvorstellungen, Leidenschaft und kultureller Rückständigkeit, anstatt genauer nach der Autonomie und der sozialen Situation der Betroffenen zu fragen.
Text: Kristina Lowis
Recherche: Kristina Lowis, Christina Thomson
Zitierte Quelle:
_Zensur des Theaterstücks: Eine Haremsnacht, ein groteskes Scherzo in einem Akt von Mae Farahud, Maschinenschrift. Pflichtexemplar. Genehmigt für: Apollo-Theater 31.07.1909 [Archivalie], Landesarchiv Berlin A Pr.Br.Rep. 030-05-02 Nr. 4546
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/