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Circus Sarrasani. Direktor Hans Stosch-Sarrasani als Wildwestschütze


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Objektbeschreibung

In hohen Stiefeln, mit rotem Hemd und Schlapphut steht Zirkusdirektor Sarrasani als „Wildwestschütze“ vor einer angedeuteten Landschaft mit Bäumen. Mit der rechten Hand beschirmt er den Blick, in der linken hält er das Gewehr mit langem Lauf, mit dem er vielleicht gerade ein Lebewesen erlegt hat – oder es gleich tun wird. Der einsame Held auf dem Plakat von Carl Moos aus dem Jahr 1908 ist Hans Stosch-Sarrasani (1873–1934). Im echten Leben war er als 15-Jähriger zum Wanderzirkus gekommen, wo er unter dem Namen Giovanni Sarrasani als Clown und Haustierdompteur auftrat. 1902 hatte er seinen eigenen Zirkus in Radebeul bei Dresden gegründet und nannte ab 1912 das modernste Zirkusgebäude Europas sein eigen. Als geschäftstüchtiger Unternehmer und „Dramaturg kollektiver Fantasien“ beeinflussten seine Inszenierungen die Vorstellungen eines großen Publikums in Bezug auf „das Andere“ wie auch das Verhältnis zur Natur. Mit Vorliebe inszenierte er sich als allwissender Herrscher, der über den Frieden zwischen unterschiedlichen Kulturen und Völkern wachte, die er in seiner Manege präsentierte. Er „sah sich selbst als Forscher und Erschaffer fremder Welten. Ihn faszinierte nicht nur, was Native Americans waren, sondern auch, was er aus ihnen machen konnte.“ (Otto 1999, S. 527–542). 

Ähnliches lässt sich vermutlich auch von dem Erfolgsautor Karl May (1842–1912) sagen, der in Dresden ganz in der Nähe des Zirkus Sarrasani in der nach seinem Romanhelden benannten Villa Shatterhand lebte. Mays Legendenbildungen zugunsten des weißen Mannes und insbesondere seit den 1880er-Jahren erscheinenden Erzählungen aus dem „Wilden Westen“ prägten ganze Generationen deutschsprachiger Leser*innen. In diesem Spannungsverhältnis von Neugier auf das Fremde und gleichzeitigem Anspruch auf die führende Rolle im Zirkus-, Literatur- und Weltgeschehen lässt sich die Entwicklung von Stereotypen nachvollziehen. Wie in seiner Fiktion ließ Karl May einen deutschen Ingenieur zur „Schmetterhand“ im Feindesland werden – wo die Kolonialisierung mit Eisenbahnbau, Verdrängung und Ermordung der dort lebenden Menschen in vollem Gange war. Auf ähnliche Weise inszenierte sich Sarrasani als harter, aber gerechter Cowboy, nachdem er im Zirkus die Geschichtsfälschungen und Verharmlosungen der Eroberung des Westens der USA bewundert hatte, etwa bei Buffalo Bill alias William Frederick Cody (1846–1917). In der Vergnügungskultur stellte man bei Sarrasani wie bei Hagenbeck Menschen aus den USA als „Wilde“ oder „Indianer“ vor. Diese des Englischen durchaus mächtigen Personen durften aber nicht unter ihren eigenen Namen auftreten, sondern erhielten frei erfundene, aber dafür exotisch klingende Bühnennamen. Zudem dichtete man ihnen einen spezifischen „Stammesrang“ an (Dreesbach 2005). 

Der koloniale Blick auf die Welt hat nicht nur Menschen in den eroberten und ausgebeuteten Gebieten fiktive Eigenschaften unterstellt, sondern auch das Selbstverständnis auf Seiten der Kolonisierenden nachhaltig geprägt. Im 19. Jahrhundert ging es in Europa dabei oft um die Abgrenzung der eigenen Nationalidentität in Relation zu anderen Menschengruppen, denen von der Gesellschaft im Ganzen negative Charakteristika zugeschrieben wurden. Die fiktive Erzählung beharrt auf der Überlegenheit des weißen Mannes gegenüber dem Rest der Welt, verbunden mit dem angeblichen Recht, sich natürliche, menschliche und wissenschaftliche Ressourcen anzueignen und alles zu beherrschen. Damit ist die Epoche maßgeblich an der Herausbildung eines machohaften Rollenverständnisses beteiligt, das bis heute viel Schaden anrichtet und die Betroffenen selbst an ihrer Emanzipation von kulturell vorherrschenden Verhaltensmustern hindert. „Die von Bühnenkünstlern wie William Cody vorgeführte Cowboy-Geschichte ließ zudem eine Persona entstehen, die weiße, machthungrige Männer übernehmen konnten, um ein dem US-amerikanischen Publikum vertrautes Bild abzugeben. […] Selbst diejenigen, die nie einen Cowboy-Hut tragen würden, werden die Vorstellung eines weißen Mannes allein gegen den Rest der Welt nicht los. Das Bild ist einer der stärksten Identifikationspunkte US-amerikanischer Kultur und Politik, in der Zusammenarbeit als Schwäche und die Anderen als Feinde gelten – die einen entweder bestehlen oder unterworfen werden müssen. Die Zerstörung, die dieser mythenumwobene Cowboy aus dem Westen verschuldet hat, hat nicht mit der Ausrottung der Büffel aufgehört. Vielleicht hört sie nicht auf, bevor sie alles zerstört hat.“ (Oluo 2020, S. 45 [Ü. d. A.]).

Recherche und Text: Kristina Lowis

Zitierte Literatur:
_Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940, Essen 2005
_Ijeoma Oluo: Mediocre. The dangerous legacy of white male power, London 2020 
_Marline Otto: „Sarrasani‘s Theatre of the World“, in: German History, 17, 1999, S. 527–542


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/