Logo

Havemanns Tiger, Löwen, Leoparden


FacebookAuf Facebook teilen

Objektbeschreibung

Richard Havemann (1875–1943), der hier lächelnd den Kopf eines Löwens umfasst, war ein international bekannter Dompteur aus Brandenburg. Er hatte seine Laufbahn – vermittelt durch Carl Hagenbeck – am Kölner Tierpark begonnen und danach sechs Jahre als Tierinspektor am Zoologischen Garten in Berlin gearbeitet. (Sonnemann, S. 5) Zu den Raubtieren entwickelte er in dieser Zeit eine besonders enge Beziehung. Er behandelte alle Tiere als Individuen, zog Löwenbabies mit Flasche und Hundeammen auf. Seine „Raubtierschule“, eine kurzweilige Dressurschau am Berliner Zoo, war so erfolgreich, dass Havemann damit auf Gastspiel in Europa geschickt wurde. Nach seiner Rückkehr kaufte er dem Zoo die Tiere ab und setzte die Tournee als Eigenunternehmer fort. Das Plakat mit dem Löwenkopf gehörte wohl zur Tourkampagne: Als ein sogenanntes Lagerplakat enthielt es eine leere Fläche, auf der die Details zur Veranstaltung für jeden Ort neu eingedruckt werden konnten. Havemann war viele Jahre mit seinen Tieren auf Reisen, erst in Europa, ab 1904 in den USA und 1913 in Südamerika.

Ein Programmzettel aus der Zeit des Tourneestarts zählt die zwölf Tiere in „R. Havemanns Original-Raubtier-Schule“ namentlich auf, acht von ihnen mit Herkunft. Die älteren Löwen waren „importiert aus Südwestafrika“, „Abessinien“ sowie „Bornu im Tschadseegebiet“ – „der erste, der überhaupt von dort lebend nach Europa gekommen ist!“. (Sonnemann, S. 5) Die Hyäne kam aus Togo, ein Leopard und zwei Bären aus Indien. Ein Königstiger wird ohne Herkunftsort genannt, ebenso zwei Löwen, die vermutlich im Zoo geboren waren. Die Auflistung zeigt, wie stark der frühe Zuwachs des Zoologischen Gartens um nicht-europäische Fauna mit der imperialistischen Expansion des Reichs verknüpft war – denn Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Bornu (Sultanat in Kamerun) und Togo waren um 1900 deutsch besetzte Kolonien in den heutigen Gebieten von Namibia, Nigeria, Niger, Tschad, Kamerun und Togo. Zoos und Dressurschauen sind in dieser Hinsicht öffentlich inszenierte Demonstrationen, dass der weiße Mann die Macht „besitzt“, wilde Tiere aus aller Welt ihrer natürlichen Umwelt zu entreißen und zu exportieren, sie zu zähmen und auszustellen.

Dass der Topos der gezähmten Bestie große Popularität besaß, lässt sich am Werbeplakat für Havemanns Raubtiertournee ablesen. Obwohl der Dompteur für seinen sanften und einfühlsamen Umgang mit den Tieren bekannt war, wird er hier als blonder Bezwinger dargestellt: Das Motiv lässt denken, dass der Löwe – der in der Schau recht freiwillig „gähnte“ – das Maul förmlich aufgerissen bekommt. Die Stärke des weißen Manns bezwingt kraftvoll das wilde Tier. Das gefährliche Maul verleiht dem Bild zudem maximale Dramatik, um Besuchszahlen durch sensationslüsterne Neugier auf „das unbekannte Wilde“ anzukurbeln.

Text und Recherche: Christina Thomson

Verwandte Werktexte:
_Zoologischer Garten (ID 2713407)
_Les pilules du diable (ID 2663446)
_Von Tieren und Menschen (ID 14020663)

Zitierte Literatur:
_Uwe Sonnemann: „Richard Havemann (1875–1943), ein weltbekannter Dompteur aus Grabow“, 2011, in: Grabow Erinnerungen, www.grabow-erinnerungen.de (letzter Zugriff 02.01.2024). Sonnemanns Hauptquelle ist eine von Havemann selbst verfasste „Lebensbeschreibung“ (München, 22.02.1938) im Stadtarchiv Grabow.

Ausgewählte Quellen:
_K. Lee Chichester, Priska Gisler u. Kunstmuseum Bern (Hg.): Koloniale Tiere? Tierbilder im Kontext des Kolonialismus, Berlin 2024


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/