Cinématographes Théophile Pathé
Objektbeschreibung
Kino, wie wir es kennen, wurde in den 1890er-Jahren in Europa geboren und verbreitete sich wie Lauffeuer auf der ganzen Welt. Die ersten Filme waren nur wenige Minuten lang und liefen bei Vorführungen nacheinander ab. Vor diesem Hintergrund ist auch dieses frühe Werbeplakat für Filme aus dem Hause Pathé zu verstehen: Es bewirbt nicht einen einzelnen Film, sondern gleich alle Produktionen der international agierenden Firma. „Venez voir“ lautet der Aufruf auf dem Aushang im Bild – kommt her und schaut euch die Filme der weltberühmten „Cinématographes Théophile Pathé“ an! Und da eilen sie schon herbei: Menschen aus Asien, Afrika, Amerika und verschiedenen Regionen Europas, Erwachsene unterschiedlichster Statur, Kinder und sogar Tiere. Die europäischen Kinogänger*innen sind zur Unterscheidung ihrer Herkunft in landestypischer Kleidung und stereotypischer Physiognomie dargestellt. Die übrigen – ein Chinese, ein Araber und zwei Schwarze Menschen – werden hingegen karikiert.
In vorderster Reihe der Menschengruppe lässt der belgische Plakatgestalter Gus Bofa drei Charaktere aus Film, Theater und Literatur selbst als Zuschauer*innen antreten: die 1905 geborene Comicfigur des bretonischen Dienstmädchens Bécassine (in Kindversion), die 1904 als Oper inszenierte Madame Butterfly, und den 1897 erstmals von den Brüdern Lumière gefilmten Clown Chocolat. (Der Junge mit dem Hund ist sein Sohn, der später gemeinsam mit seinem Vater auftrat.) Im Bühnenprogramm mit dem weißen Clown Foottit stellte der Schwarze Showstar im roten Frack das rassistische Klischee des einfältigen Afrikaners dar, der beständig vom weißen Europäer erniedrigt wird. Damit trug seine Schau, die von Millionen besucht wurde, zur Verfestigung von Klischees und Kolonialdenken in den Köpfen des weißen Publikums bei. Die Verfilmung der Slapsticks des Clown-Duos durch Pathé verbreitete dieses Bild global noch weiter. Tatsächlich fußen alle drei der von Bofa porträtierten Figuren auf diskriminierenden Narrativen: der Überheblichkeit des städtischen Bildungsbürgertums gegenüber ländlichen Bediensteten (Madame Becassine), dem Mythos der dem Europäer gefügigen Geisha (Madame Butterfly), und dem Kolonialverhältnis in Gestalt des karikierten Schwarzen Mannes (Chocolat). Für zeitgenössische Augen verkörperten sie jedoch vor allem eines: erfolgreiche Werbung für Unterhaltungsangebote für alle Gesellschaftsschichten.
Die Elsässer Brüder Théophile, Jacques, Charles und Émile Pathé hatten 1896 in Paris ein Unternehmen gegründet, das bald zu einer gigantischen Filmindustrie wurde. Bereits 1903 gaben Pathé Frères rund fünfhundert Kurzfilme pro Jahr heraus, 1910 waren sie mit 6500 Angestellten in verschiedenen Ländern Europas und den USA sowie einem boomenden Exportgeschäft der weltweit größte Betrieb der Filmbranche. »Ich habe das Kino nicht erfunden, aber ich habe es industrialisiert«, lautete Charles Pathés Motto. Das Erfolgsrezept war, Herstellung und Vertrieb in einer Hand zu behalten. Dazu gehörten konsequentes Branding und unablässiges Marketing – insbesondere mit Plakaten.
Recherche und Text: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Chocolat et son fils (ID 1871183)
_Abadie (ID 2748384)
Ausgewählte Quellen:
_Gérard Noiriel: Chocolat, clown nègre. L‘histoire oublié du premier artiste noir de la scène francaise, Paris 2012
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854–1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
In vorderster Reihe der Menschengruppe lässt der belgische Plakatgestalter Gus Bofa drei Charaktere aus Film, Theater und Literatur selbst als Zuschauer*innen antreten: die 1905 geborene Comicfigur des bretonischen Dienstmädchens Bécassine (in Kindversion), die 1904 als Oper inszenierte Madame Butterfly, und den 1897 erstmals von den Brüdern Lumière gefilmten Clown Chocolat. (Der Junge mit dem Hund ist sein Sohn, der später gemeinsam mit seinem Vater auftrat.) Im Bühnenprogramm mit dem weißen Clown Foottit stellte der Schwarze Showstar im roten Frack das rassistische Klischee des einfältigen Afrikaners dar, der beständig vom weißen Europäer erniedrigt wird. Damit trug seine Schau, die von Millionen besucht wurde, zur Verfestigung von Klischees und Kolonialdenken in den Köpfen des weißen Publikums bei. Die Verfilmung der Slapsticks des Clown-Duos durch Pathé verbreitete dieses Bild global noch weiter. Tatsächlich fußen alle drei der von Bofa porträtierten Figuren auf diskriminierenden Narrativen: der Überheblichkeit des städtischen Bildungsbürgertums gegenüber ländlichen Bediensteten (Madame Becassine), dem Mythos der dem Europäer gefügigen Geisha (Madame Butterfly), und dem Kolonialverhältnis in Gestalt des karikierten Schwarzen Mannes (Chocolat). Für zeitgenössische Augen verkörperten sie jedoch vor allem eines: erfolgreiche Werbung für Unterhaltungsangebote für alle Gesellschaftsschichten.
Die Elsässer Brüder Théophile, Jacques, Charles und Émile Pathé hatten 1896 in Paris ein Unternehmen gegründet, das bald zu einer gigantischen Filmindustrie wurde. Bereits 1903 gaben Pathé Frères rund fünfhundert Kurzfilme pro Jahr heraus, 1910 waren sie mit 6500 Angestellten in verschiedenen Ländern Europas und den USA sowie einem boomenden Exportgeschäft der weltweit größte Betrieb der Filmbranche. »Ich habe das Kino nicht erfunden, aber ich habe es industrialisiert«, lautete Charles Pathés Motto. Das Erfolgsrezept war, Herstellung und Vertrieb in einer Hand zu behalten. Dazu gehörten konsequentes Branding und unablässiges Marketing – insbesondere mit Plakaten.
Recherche und Text: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Chocolat et son fils (ID 1871183)
_Abadie (ID 2748384)
Ausgewählte Quellen:
_Gérard Noiriel: Chocolat, clown nègre. L‘histoire oublié du premier artiste noir de la scène francaise, Paris 2012
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854–1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/