Mimosa-San
Objektbeschreibung
Wie durch eine Vorhangöffnung gibt das Filmplakat aus dem Jahr 1913 den Blick auf eine Geisha frei, die mit zur Seite geneigtem Kopf in einem japanischen Interieur kniet. Der Himmel hinter ihr ist blau und wie der Raum und der Grund des Plakats mit Blüten geschmückt. Der Stummfilm „Mimosa San“ (1913) von Curt A. Stark erzählt die Geschichte von Madame Butterfly alias „Madame Chrysanthème“: Der autobiografisch gefärbte Roman von Pierre Loti (1850–1923) aus dem Jahr 1887 wurde kurz nach seiner Veröffentlichung erstmals für die Bühne adaptiert und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1904 kreierte Puccini die darauf basierende Oper „Madame Butterfly“ und 1989 wurde mit dem Musical „Miss Saigon“ die Handlung von Japan nach Vietnam verlegt.
Die „Tragödie einer Geisha in zwei Akten“, wie der Film 1913 im Untertitel charakterisiert wurde, vermittelt die Selbstverständlichkeit, mit der westliche Männer im ausgehenden 19. Jahrhundert sexuelle Dienstleistungen in Asien in Anspruch nahmen. Zwei Jahre zuvor war Loti selbst als Marineoffizier einen Monat in Nagasaki gewesen und dort, wie der Erzähler, eine „Ehe auf Zeit“ eingegangen: Er „mietete“ sich mithilfe eines durch Vermittler, Eltern und lokale Behörden abgesegneten Prostitutionssystems eine 18-jährige Japanerin namens Okané-San für die Dauer seines Aufenthalts. Selbstgefällig und stellenweise angewidert beschreibt Lotis Erzähler, wie rückständig, puppenhaft und lächerlich ihm die fremde japanische Welt vorkommt. Seine junge „Zeitfrau“ bleibt ihm in ihrer Kindlichkeit und Naivität gleichgültig. Beim Abschied ist sie traurig und wirft sich – in seinen Augen gebührendermaßen – zu Boden. Das Bühnenstück steigert die Dramatik, indem es die in Liebe zu ihrem „Zeitmann“ entbrannte Japanerin einen Brief schreiben lässt, den dieser jedoch erst liest, nachdem sein Schiff abgelegt hat. In Puccinis Oper endet die Geschichte sogar mit dem Freitod der Japanerin, die über die Abreise des unwiderstehlichen US-amerikanischen Marineoffiziers untröstlich ist. Dieses Motiv scheint das Plakat aufzunehmen: Die neben einem Strauß Mimosen kniende Frau hat einen Säbel in der rechten Hand und scheint mit der linken offenbar schon die beste Einstichstelle für ihren rituellen Freitod (Harakiri) zu suchen.
Der Stoff transportierte diverse Allgemeinplätze gegenüber asiatischen Frauen und im weiteren Sinne gegenüber Asien, wie sie bis heute in Europa und den USA tradiert werden. Dazu gehören neben der Infantilisierung die sexuelle Verfügbarkeit wie auch Unverständlichkeit der Gesellschaft im Allgemeinen. Die klischeehafte Darstellung asiatischer Menschen und des „Orients“ in der Literatur, auf der Bühne und auf Plakaten beförderte orientalistische Stereotype, die sich mit imperialistischen Haltungen und Sexismus verbanden. Sie prägten sowohl Kunst als auch die allgemeine Vorstellungswelt nachhaltig. So konnte das Bild sanfter, sinnlicher Asiatinnen entstehen, die Europäer und US-Amerikaner trotz aller Missachtung gern bei sich willkommen heißen, bewundern und begehren. Gleichzeitig wurden „Trostfrauen“ aus verschiedensten asiatischen Ländern von der japanischen Armee bis 1945 zu Tausenden zwangsprostituiert. Noch heute sind „Asiatinnen“ auf Online-Kontaktbörsen in Frankreich die gefragtesten Partnerinnen, und viele Reisen von weißen Männern in diese Region der Welt stehen mit Prostitution in Verbindung.
Recherche und Text: Kristina Lowis
Verwandte Werktexte:
_Madame Chrysanthème (ID 2663406)
Ausgewählte Quellen:
_Pierre Loti: Madame Chrysanthème, Paris 1887
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/