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Ramses Zigarette


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Objektbeschreibung

Ramses – ein Markenname, der den Duft vergangener Imperien weckt, ferne Welten verheißt und vom Beginn eines globalisierten Konsums erzählt. Ein Plakat mit einem rauchenden jungen Mann im roten Kaftan, der gut Ägypter sein könnte. Hier wird das industriell gefertigte Massenprodukt Zigarette mittels Marke und Motiv mit dem exotistisch-orientalistischen Mythos des Alten Ägyptens zusammengebracht. Die Georg A. Jasmatzi AG in Dresden, ein führendes Tabakunternehmen seiner Zeit, lancierte Ramses in den 1920er-Jahren als Premiummarke mit Wiedererkennungswert. Jasmatzi brachte auch die Marken Cheops und Sphinx auf den Markt, deren Namen ebenfalls ägyptische Assoziationen wecken. Ramses-Zigaretten wurden bis ins 21. Jahrhundert weiter in Dresden produziert, in der DDR unter dem Namen VEB Jasmatzi, von 1990 bis zur Schließung 2019 als f6 Cigarettenfabrik (Philip-Morris-Konzern). Gründer der Jasmatzi AG war der aus Konstantinopel stammende Georgios Antoniou Iasmatzis, der seit 1868 in der Tabakindustrie in Dresden arbeitete und das deutsche Verständnis der „türkischen Zigarette“ mitprägte.

Der Name war Programm: Ramses – König, Gott, Ikone. Verpackung und Werbung spielten mit der seit Mitte des 19. Jahrhunderts stetig wachsenden, kolonial verfassten Ägyptenbegeisterung und den dazugehörigen „Entdeckungen“. Goldene Ornamente, Pharaonenköpfe, Hieroglyphen und Pyramiden schufen eine Ästhetik, die Mystik versprach. Ramses stand für mehr als nur Tabakgenuss: Die Marke wurde Teil einer globalen Vorstellungswelt – eines Imaginariums – in dem sich Fernweh, koloniale Fantasie und moderner Lebensstil überkreuzten. Zwischen Dresden und dem Nil, zwischen Werbeplakat und Warenregal entstand ein hybrides Bild: die Zigarette als kulturelles Objekt, als ästhetisierte Spur des Kolonialen im Alltäglichen. Der Tabak selbst war, wie so viele andere sogenannte Kolonialwaren, längst eingebunden in ein weltweites Netz von Rohstoffausbeutung, Plantagenarbeit und ungleichen Handelsverhältnissen. Im 16. Jahrhundert nach Europa gebracht, wurde Tabak – neben Kaffee, Zucker, Kakao oder Tee – zu einem jener Genussmittel, die nicht nur süchtig machten, sondern Geschichte in sich trugen. Auch wenn der Rohtabak nicht direkt aus deutschen (oder anderen europäischen) Kolonien stammte, sondern zumeist aus dem Osmanischen Reich, Russland und Amerika, war die Logik der Vermarktung von Rauchwaren zutiefst kolonial geprägt: exotisierende Bildwelten, stereotype Inszenierungen, vermeintlich „fremde“ Kulturen als dekorativer Hintergrund auch für Produkte aus Europa.

In der Werbung – sei es für Zigaretten, Zigarettenpapier oder Pfeifentabak – entfaltete sich ein Repertoire, das romantisierte, verzerrte, verkitschte. Figuren in bewusst inszenierten Posen, Szenarien, die Fernweh erzeugten und zugleich Distanz produzierten. Glauco Cambons scheinbar harmlose Plakatwerbung für Zigarettenpapier (ID 930176), in der Uncle Sam mit einer Schwarzen Frau einen ausgelassenen Tanz hinlegt, birgt hinter dem fröhlichen Design eine koloniale Tiefenstruktur. Und selbst der sonst sehr sachliche Werbegrafiker Lucian Bernhard setzte für „Kardash Cigaretten“ des Tabakfabrikanten Manoli orientalistische Motivik ein und wählte in Anspielung auf das „Türkisch-Osmanische“ eine Moschee als Symbol für ferne Länder, Lust und Phantasie (ID 2638716). Die Kultur des Rauchens ist allerorts mit dem „Orient“ verknüpft – sowohl im physischen Sinne transnationaler Verbindungen, als auch sinnbildlich.

Die imaginative Geografie „Orient“ spielt als Fantasietopos und Sehnsuchtsort in der Vorstellung des weißen christlichen Westens eine bedeutende Rolle, die im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs. Im lateinischen Wortursprung bezeichnet „Orient“ die Himmelsrichtung, in der – von Europa aus gesehen – die Sonne aufgeht („sol oriens“). Geografisch undefiniert und kartografisch nicht existent, wurde dieses „Morgenland“, das wir heute weiterhin eurozentrisch als „Naher“ und „Mittlerer“ Osten bezeichnen, in wechselnden Ausprägungen und je nach Bedarf als Gegenbild des „Okzidents“ konstruiert: ein vorwiegend arabisch-muslimisch geprägtes Gebiet, von dem sich die „abendländische“ Welt kulturell abgrenzte. Die exotistisch konstruierte „Fremde“ des Orients diente als Projektionsfläche weißer, christlich konnotierter westlicher Fantasien, die mit kolonialem Überlegenheitsdenken verbunden sind.

Auch Reklame spiegelt die herrschenden Vorstellungen einer Epoche wider und bringt sie auf grafisch-visuelle Kurzformeln. Durch die Omnipräsenz der Werbung prägten diese sich nachhaltig ins öffentliche Gedächtnis ein – als Erzählung über Menschen und Kulturen des „Orients“, denen es verwehrt wurde, sich selbst zu repräsentieren. Der Literaturtheoretiker Edward Said beschreibt dies in seinem einflussreichen Werk „Orientalismus“ (1978): Basierend auf eurozentrischen Grundannahmen waren Ideen von „Moderne“ und „Kultiviertheit“ das Resultat einer Konstruktion binärer Unterschiede zwischen westlichen Kulturen und dem „Rest der Welt“ (Said 1978, S. 98). Auf diese Weise wurde Geografien und Realitäten behauptet, die faktisch nicht existierten. Gegensätze wie „Zentrum“ und „Peripherie“, „Nord“ (als Westen) und „Süd“ (als Osten), „Zivilisation“ und „Barbarei“ oder „Metropole“ und „Kolonie“ entstanden als narrative Konstrukte westlicher Macht.

Die Aufklärung in Frankreich, England und Deutschland lieferte dabei vorgeblich rationale, tatsächlich jedoch rassistische Legitimationen (Dussel 2002, S. 222). Immanuel Kant etwa führte Tugenden wie Moral, Rationalität, Reife und Entwicklungsfähigkeit auf angebliche Charakteristika der weißen „Rasse“ zurück. In Verbindung mit seiner Naturphilosophie trug dies zum Mythos der „Bürde des weißen Mannes“ bei, demzufolge nur der weiße Mann die Autorität und Fähigkeit besitze, den Rest der Welt zu zivilisieren (Kant 1977, S. 11; Piesche 2005, S. 32–36).

Die diskursive Figuration um den Zigarettennamen Ramses war und ist Ausdruck jener historischen Konstellation, in der industrielle Moderne und koloniale Imagination Hand in Hand gingen. Die Zigarette, einst Luxusgut, wurde im Zuge der Industrialisierung massentauglich: geschnupft, gekaut, gerollt, geraucht – zu Preisen, die sich auch Arbeiter*innen leisten konnte. Die Marke Ramses lebte nach dem Zweiten Weltkrieg trotz Enteignung, Umfirmierung und Privatisierung der einstigen Jasmatzi AG lange weiter – als Zeugnis einer Epoche, in der Produkte Geschichten erzählten, und der Rauch einer Zigarette nicht nur Genuss, sondern kulturelle Erzählung war.

Recherche und Text: Ibou Coulibaly Diop und Christina Thomson

Verwandte Werktexte:
_Le Papier à Cigarettes Pique  (ID 930176)
_Kardash Cigaretten (ID 2638716) 

Zitierte Literatur:
_Susan Arndt: Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen, München 2011
_Enrique Dussel: The Underside of Modernity, Atlantic Highlands 2002
_Peggy Piesche: „Kulturelle Identität und Kolonialität der Macht“. In: Wulf D. Hund (Hg.): Was ist Rassismus?, Hamburg 2005, S. 32–36
_Edward W. Said: Orientalism, New York 1978

//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Pla-katen wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/