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The Real Slavery. Is This What You Are Going to Vote For?


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Objektbeschreibung

Im Zuge der Wahlen von 1906 lösten in Großbritannien die Liberalen die bis dato konservative Regierung unter Arthur Balfour ab. Im Land standen dringend benötigte Sozialreformen an, deren Finanzierung bisher ungeklärt geblieben war. Mit seinem People's Budget von 1909 lieferte der damalige liberale Finanzminister David Lloyd George einen Lösungsvorschlag, der eine striktere Besteuerung der Wohlhabenden, unter anderem auf deren Erbschaften, Einkommen und Grund vorsah und damit die Gemüter zahlreicher „Betroffener“ im Oberhaus erregte. Eine Mehrheit zur Durchsetzung des Vorschlags 1910 ließ sich nur unter Mitwirkung der Labour Party und der Irish Parliamentary Party erwirken. Letztere forderten im Gegenzug die Unterstützung in eigener Sache – der politischen Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien (Home Rule). 

Den konservativen britischen Unionisten, die an der Idee einer geeinten imperialen Großmacht mit London als Zentrum festhielten, war dies ein Dorn im Auge. Ihren Unmut brachten sie in polemischen Plakatkampagnen zum Ausdruck. Das hier vorliegende Plakat zeigt eine diffamierende Darstellung liberaler, in Ketten gelegter Regierungsvertreter unter der Aufsicht von irischen Nationalisten. Sie werden, wie die Beschilderung am Wegesrand verrät, zum „Home Rule Compound“ gebracht, also einem Kolonialveraltungsgelände. Auf ihren gelben Gewändern (die Farbe der Liberalen) prangt die keltische Harfe, ein zentrales Symbol der irischen Unabhängigkeitsbewegung. Vorgeführt werden die „Sklaven“ der Personifikation des zur Wahl aufgeforderten englischen Durchschnittsbürgers John Bull vom Oppositionsführer Arthur Balfour auf der rechten Seite. Das Wahlwerbeplakat bemüht somit die schon damals etablierte Taktik des „Negative Campaigning“.
 
Übertitelt als „The real slavery“ dämonisiert das Plakat die Abhängigkeit der britischen Regierung von Irland und bagatellisiert zugleich Formen der Sklaverei, mit deren Erbe das postkoloniale Großbritannien noch heute zu kämpfen hat: der transatlantische Sklavenhandel einerseits und zudem – um 1910 sehr viel aktueller – die rund 50.000 chinesischen Arbeiter, die zwischen 1904 und 1910 zu schon damals massiv kritisierten, menschenunwürdigen Bedingungen und nahezu unbezahlt in den britisch geführten Goldminen Südafrikas schufteten. Irland erhielt infolge der dritten Home Rule Bill von 1911/12, trotz konservativen Widerstands im Oberhaus, das Recht zur Bildung einer eigenen Legislative und 1922 schließlich die Unabhängigkeit. Indien folgte 1947, die afrikanischen Länder in den 1960er Jahren.    

Recherche und Text: Isabel Groll

Verwandte Werktexte:
_Trade and The Empire I. (ID 2746389)
_Trade and The Empire II. (ID 2742412)

Ausgewählte Quellen: 
_Dennis Judd, Balfour and the British Empire. A Study in Imperial Evolution 1874–1932, New York 1968
_Norman McCord, Bill Purdue (Hg.), British History 1815–1914, 2. Ausgabe, New York 2007 
_P. J. Marshall (Hg.), The Cambridge Illustrated History of the British Empire, Cambridge 2006 [1996]
_Peter Richardson, Chinese Mine Labour in the Transvaal, London 1982


//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Pla-katen wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/