Lao-p'ai p'in-hai hsiang-yen. Original Pin Head Cigarettes
Objektbeschreibung
Wofür wirbt wohl diese Girlande aus fröhlich turnenden asiatischen Babys mit nackten Pos? Erst bei näherem Betrachten fällt auf, dass die kleinen Kinder große Zigaretten in den Händen halten und rauchen – denn das ungewöhnliche Motiv war Teil einer Kampagne, mit der die American Tobacco Company um 1900 ihre Zigaretten der Marke Pin Head vermarktete, eine milde Sorte aus heimatlichem Tabakanbau: „Original Pin Head Trade Mark. Made in America. Cigarettes mild and mellow. Old North Carolina leaf”, steht auf den abgebildeten Verpackungen. Die großen Werbezeilen sind in chinesischen Schriftzeichen zu lesen: Indiz dafür, dass das Plakat zwar in den USA gedruckt und vermutlich auch dort gestaltet wurde, aber für den Absatzmarkt in China vorgesehen war. Tatsächlich waren Pin Head Zigaretten – bei ihrer Einführung 1884 die ersten von Maschinen gefertigten Zigaretten weltweit – dort sehr beliebt, vor allem in der Region Tianjin. Der Name bedeutet wörtlich „Stecknadelkopf“ und bezieht sich auf das handliche Format der dünnen Zigarette. Es ist anzunehmen, dass auch die Wahl von Babys als Werbemotiv auf die geringe Größe des Produkts anspielt.
Der Einsatz von Kindsfiguren war in der Werbung um 1900 ausgesprochen beliebt: Es wimmelte geradezu von Babys, Kleinkindern, Schulkindern und Teenagern. Meist werden die europäischen, weißen Kinder dabei im adretten Kleid oder Matrosenanzug gezeigt, die „Anderen“ dagegen minimal bekleidet (ID 2645455). Hinzu kommen verniedlichte kleine Gestalten, deren Darstellung bewusst die Grenzen zwischen Kind und Erwachsenem oder gar Mensch und Tier verwischt. Ähnlich wie bei Julius Klingers berühmtem Logo für Palm Cigarren, das eine kindliche Schwarze Figur rauchend auf einer Palme zeigt (ID 926654), stellt sich auch im Pin Head-Plakat die Frage, wo Logik und Jugendschutz abgeblieben sind. Es ist schwer vorstellbar, dass europäische oder US-amerikanische Babys halbnackt mit Zigarette im Mund in der Werbung abgebildet worden wären. Verknüpft ein Bild hingegen das Kindchenschema mit einer anderen (kolonialisierten) Kultur, lädt es zum Herabschauen auf die „kleinen Menschen“ ein und löst Gefühle wohlwollender Überlegenheit aus. Wie das Pin Head-Motiv als Plakat in China ankam, bleibt Gegenstand der Spekulation.
Interessant sind dabei die historischen Hintergründe: Zum einen waren chinesische Territorien im 19. Jahrhundert als Handelshäfen und Ressourcenquelle heiß begehrt und daher zwischen europäischen Kolonialmächten und Japan umkämpft. Um eine Aufteilung Chinas unter diesen Mächten zu verhindern und zugleich den eigenen Zugang zum Handel – etwa als Importeur von Tabakprodukten – zu sichern, formulierten die USA 1899/1900 unter Außenminister John Hay die „Politik der offenen Tür“. Gleichzeitig gehörten die Vereinigten Staaten aber auch zur „Achtmächte-Allianz“, die 1900 den Boxeraufstand niederschlug – eine Rebellion Chinas gegen christliche Missionierung und die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes durch westliche Kolonisatoren. Auf der westlichen Seite des Pazifiks zeigten die Amerikaner eine ähnlich nutznießerisch-feindselige Haltung: Chinesische Einwanderer, die ihrer billigen Löhne wegen von US-Unternehmen ins Land geholt und in Landwirtschaft, Eisenbahnbau, Wäschereien oder Gastronomie eingesetzt worden waren, litten seit den 1870er-Jahren unter ausgeprägtem Rassismus. Kalifornische Arbeiter*innen polemisierten Dumpinglöhne und führten eine antichinesische Bewegung an. Sie mündete 1882 im Chinese Exclusion Act, der künftige Zuwanderung verbot.
Kaum chinesische Immigration gab es im 19. Jahrhundert hingegen in North Carolina – dem Staat an der Südostküste, aus dem die vor Ort angesiedelte American Tobacco Company ihren Rohtabak bezog. Hier waren es vor allem afroamerikanische Arbeitskräfte, die auf den Tabakplantagen und in den Fabriken unter harten Bedingungen für wenig Geld arbeiteten. Viele von ihnen waren Nachfahren versklavter Menschen, die in früheren Jahrzehnten zur Bewirtschaftung der Tabak- und Baumwollfelder in die Südstaaten der USA verschleppt worden waren.
Text und Recherche: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
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_Eckstein Zigaretten (ID 2830396)
_Indische Blumenseife (ID 2645455)
_Palm Cigarren (ID 926654)
_Prunier Cognac (ID 1420080)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854–1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Der Einsatz von Kindsfiguren war in der Werbung um 1900 ausgesprochen beliebt: Es wimmelte geradezu von Babys, Kleinkindern, Schulkindern und Teenagern. Meist werden die europäischen, weißen Kinder dabei im adretten Kleid oder Matrosenanzug gezeigt, die „Anderen“ dagegen minimal bekleidet (ID 2645455). Hinzu kommen verniedlichte kleine Gestalten, deren Darstellung bewusst die Grenzen zwischen Kind und Erwachsenem oder gar Mensch und Tier verwischt. Ähnlich wie bei Julius Klingers berühmtem Logo für Palm Cigarren, das eine kindliche Schwarze Figur rauchend auf einer Palme zeigt (ID 926654), stellt sich auch im Pin Head-Plakat die Frage, wo Logik und Jugendschutz abgeblieben sind. Es ist schwer vorstellbar, dass europäische oder US-amerikanische Babys halbnackt mit Zigarette im Mund in der Werbung abgebildet worden wären. Verknüpft ein Bild hingegen das Kindchenschema mit einer anderen (kolonialisierten) Kultur, lädt es zum Herabschauen auf die „kleinen Menschen“ ein und löst Gefühle wohlwollender Überlegenheit aus. Wie das Pin Head-Motiv als Plakat in China ankam, bleibt Gegenstand der Spekulation.
Interessant sind dabei die historischen Hintergründe: Zum einen waren chinesische Territorien im 19. Jahrhundert als Handelshäfen und Ressourcenquelle heiß begehrt und daher zwischen europäischen Kolonialmächten und Japan umkämpft. Um eine Aufteilung Chinas unter diesen Mächten zu verhindern und zugleich den eigenen Zugang zum Handel – etwa als Importeur von Tabakprodukten – zu sichern, formulierten die USA 1899/1900 unter Außenminister John Hay die „Politik der offenen Tür“. Gleichzeitig gehörten die Vereinigten Staaten aber auch zur „Achtmächte-Allianz“, die 1900 den Boxeraufstand niederschlug – eine Rebellion Chinas gegen christliche Missionierung und die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes durch westliche Kolonisatoren. Auf der westlichen Seite des Pazifiks zeigten die Amerikaner eine ähnlich nutznießerisch-feindselige Haltung: Chinesische Einwanderer, die ihrer billigen Löhne wegen von US-Unternehmen ins Land geholt und in Landwirtschaft, Eisenbahnbau, Wäschereien oder Gastronomie eingesetzt worden waren, litten seit den 1870er-Jahren unter ausgeprägtem Rassismus. Kalifornische Arbeiter*innen polemisierten Dumpinglöhne und führten eine antichinesische Bewegung an. Sie mündete 1882 im Chinese Exclusion Act, der künftige Zuwanderung verbot.
Kaum chinesische Immigration gab es im 19. Jahrhundert hingegen in North Carolina – dem Staat an der Südostküste, aus dem die vor Ort angesiedelte American Tobacco Company ihren Rohtabak bezog. Hier waren es vor allem afroamerikanische Arbeitskräfte, die auf den Tabakplantagen und in den Fabriken unter harten Bedingungen für wenig Geld arbeiteten. Viele von ihnen waren Nachfahren versklavter Menschen, die in früheren Jahrzehnten zur Bewirtschaftung der Tabak- und Baumwollfelder in die Südstaaten der USA verschleppt worden waren.
Text und Recherche: Christina Thomson
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//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854–1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/