Café Jacqmotte Bruxelles
Objektbeschreibung
Mit dem Einzug des Kaffees in den europäischen Alltag wuchs auch sein öffentlicher Konsum: Allerorts sprossen Cafés aus dem Boden, oft angebunden an Konditoreien oder Röstereien. Während die ersten im 17. und 18. Jahrhundert eröffneten Kaffeehäuser nur Eliten zugänglich gewesen waren, öffnete sich diese Welt im 19. Jahrhundert für die breite Mittelschicht. Es gehörte nun zum guten Ton, sich im Café zu Plausch oder Besprechung zu treffen, mit Lektüre zurückzuziehen oder müßig andere Gäste zu beobachten, während das Servicepersonal einen am Tisch bedienten – anders gesagt: sich kurz ein wenig wie die herrschende, nicht arbeitende Klasse zu fühlen. Werbeplakate für Kaffeehäuser um 1900 spielen mit diesem Aspekt gesellschaftlicher Hierarchie, indem sie beflissen heraneilende Kellner und vornehm gekleidete Gäste zeigen oder aristokratische Namen wie „Imperator“ in den Vordergrund rücken. In Ludwig Hohlweins Plakat für das Münchner Café Odeon wird die Idee auf die rassistische Spitze getrieben: Ein blonder Billardspieler lächelt gönnerhaft auf einen diminutiv dargestellten Schwarzen Diener herab, der ihm ein Tablett mit Kaffee hinhält.
Bis heute gilt Kaffeekonsum als der kleine Luxus des Alltags; Kaffee ist Sinnbild für Genuss und Geselligkeit ebenso wie für Dynamik und Leistungsfähigkeit. Ausgeblendet werden dabei Herkunft und Herstellungsbedingungen sowie die Tatsache, dass Kaffee auch für die Herausbildung und Entfesselung des globalen Kapitalismus steht. Seit dem 17. Jahrhundert genossen die europäischen Eliten den ursprünglich aus Äthiopien stammenden, zunächst in der arabischen und osmanischen Welt gebrauten Kaffee. Nachdem die niederländische Ostindien-Kompanie Kaffeesamen aus Mokka (al Mukha) im Jemen zunächst nach Batavia (das heutige Jakarta) verschickt hatte, wurde Kaffee in Brasilien und vielen weiteren Ländern des globalen Südens angepflanzt. Erste Kaffeehäuser öffneten in den großen Städten, hier schmiedete man neue (Geschäfts-)Ideen. Die Produktion der im 18. Jahrhundert zunehmend auch der bürgerlichen Mittelschicht zugänglichen Bohne wurde fortlaufend intensiviert und verbilligt. Dies war möglich durch koloniale Expansion und ein System der Versklavung, bei dem Menschen aus Afrika gefangen genommen und in andere Länder verschleppt wurden. Dort mussten sie unter brutalen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Gleichzeitig pries man Kaffee in Europa aufgrund seiner angeblichen medizinischen Vorzüge an und empfahl ihn anstelle von Alkohol als Alltagsgetränk – ob in Reinform oder mit Ersatzstoffen wie Getreide versetzt. Im 19. Jahrhundert wurde der Tagesablauf in Europa, vor allem der Arbeiter*innen, immer stärker rationalisiert und nach dem Leistungsprinzip durchgetaktet. Dabei half das Aufputschmittel Kaffee, das Menschen in die Lage versetzen sollte, ganze Nächte durchzuarbeiten, ohne das Bedürfnis nach Schlaf zu entwickeln.
Recherche und Text: Kristina Lowis, Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Togo Kaffeetabletten (ID 932650)
_Café Odeon (ID 1420073)
_Gruppentext Kaffee (z. B. ID 2696384)
_Café Plendl (ID 2773445)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin verwahrt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Bis heute gilt Kaffeekonsum als der kleine Luxus des Alltags; Kaffee ist Sinnbild für Genuss und Geselligkeit ebenso wie für Dynamik und Leistungsfähigkeit. Ausgeblendet werden dabei Herkunft und Herstellungsbedingungen sowie die Tatsache, dass Kaffee auch für die Herausbildung und Entfesselung des globalen Kapitalismus steht. Seit dem 17. Jahrhundert genossen die europäischen Eliten den ursprünglich aus Äthiopien stammenden, zunächst in der arabischen und osmanischen Welt gebrauten Kaffee. Nachdem die niederländische Ostindien-Kompanie Kaffeesamen aus Mokka (al Mukha) im Jemen zunächst nach Batavia (das heutige Jakarta) verschickt hatte, wurde Kaffee in Brasilien und vielen weiteren Ländern des globalen Südens angepflanzt. Erste Kaffeehäuser öffneten in den großen Städten, hier schmiedete man neue (Geschäfts-)Ideen. Die Produktion der im 18. Jahrhundert zunehmend auch der bürgerlichen Mittelschicht zugänglichen Bohne wurde fortlaufend intensiviert und verbilligt. Dies war möglich durch koloniale Expansion und ein System der Versklavung, bei dem Menschen aus Afrika gefangen genommen und in andere Länder verschleppt wurden. Dort mussten sie unter brutalen Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Gleichzeitig pries man Kaffee in Europa aufgrund seiner angeblichen medizinischen Vorzüge an und empfahl ihn anstelle von Alkohol als Alltagsgetränk – ob in Reinform oder mit Ersatzstoffen wie Getreide versetzt. Im 19. Jahrhundert wurde der Tagesablauf in Europa, vor allem der Arbeiter*innen, immer stärker rationalisiert und nach dem Leistungsprinzip durchgetaktet. Dabei half das Aufputschmittel Kaffee, das Menschen in die Lage versetzen sollte, ganze Nächte durchzuarbeiten, ohne das Bedürfnis nach Schlaf zu entwickeln.
Recherche und Text: Kristina Lowis, Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Togo Kaffeetabletten (ID 932650)
_Café Odeon (ID 1420073)
_Gruppentext Kaffee (z. B. ID 2696384)
_Café Plendl (ID 2773445)
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin verwahrt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/