Reclame-Redoute des österreichischen Bühnenvereins
Objektbeschreibung
Um 1900 war Wien berühmt für legendäre Bälle und Redouten. Die aus der Hofkultur stammende Tradition der Maskenbälle schwappte um 1900 in bürgerliche und künstlerische Milieus über. Einzelne Berufsgruppen und Organisationen begannen, eigene Kostümbälle zu organisieren – so etwa der Österreichische Bühnenverein, dessen „Reclame-Redoute“ im Jahr 1901 dieses Jugendstil-Plakat der Wiener Gestalter Ernst Puchinger und Ferdinand Pamberger annonciert. Eine Frau im Ballkleid wirbelt in der Bildmitte tanzend um ihre eigene Achse. In den Händen hält sie rote Fäden, an denen marionettenartig kleine Werbefiguren hängen. Viele davon lassen sich als zeitgenössische Plakatmotive und Produktlogos identifizieren, wenn auch ein wenig durcheinandergeraten. Ein Clown trommelt für den berühmten Zirkus Barnum & Barley und eine Autohaube trägt Schriftzüge für Kathreiner Malzkaffee. Im Vordergrund wird mit der „orientalischen“ Teezeremonie ein ganzes Plakat eines Österreicher Kollegen zitiert: Adolf Karpellus‘ Entwurf für Julius Meinl Tee (ID 2769517). Der Mann im roten Fez warb sicher für ein Tabakprodukt, und der Frackträger mit der großen Kaffeetasse evoziert den bekannten Clown Chocolat, der in vielen Werbemedien der Zeit auftauchte. Mit dem Reigen der Motive, die Frau Reklame hier antanzen lässt, wird auch das breite Spektrum der „Orient“-Klischees und Alltagsrassismen in der Werbung vorgeführt.
Recherche und Text: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Julius Meinl Thee (ID 2769517)
_Moslem Cigarettes (ID 922470)
_Chocolat et son fils (ID 922470)
Eine Reihe von Plakaten aus der Kolonialzeit in der Sammlung der Kunstbibliothek bewerben Feste, Bühnenstücke und Ausstellungen, in denen „ferne Welten“ im Mittelpunkt stehen. Solche Ereignisse waren um 1900 beim europäischen Publikum sehr beliebt. Sie vermittelten mehr oder weniger zutreffende Ansichten und Bilder von anderen Ländern und Kulturen. Im Rahmen von Kolonial-, Kunst- und Kulturausstellungen – etwa „Japan in Borkum“, „Niederländisch-Indische Kunstausstellung“, „Meisterwerke muhammedanischer Kunst“ oder „L‘Andalousie au temps des Maures“ – bestand noch der Anspruch, ein objektives, wissenschaftlich unterfüttertes Bild des jeweiligen Gegenstandes zu entwerfen. Bei Kostümfesten, Theaterstücken, Tanzdarbietungen oder Filmen – darunter „Les Turcs“, „Madame Chrysanthème“/„Mimosa San“, „Mr. Wu“ oder „Sumurun“ – wurde dagegen mehr Wert auf Effekte gelegt als auf historische Genauigkeit. Oft, so scheint es im Rückblick, überwog die Zurschaustellung der „Anderen“ anstelle einer offenen, solidarisch-sachlichen Darstellung anderer Gesellschaften und Kulturen. Nicht selten hatte letztere diskriminierende Züge, bin hin zur propagandistischen Karikatur.
Kolonialmächte importierten nicht nur Waren aus Übersee, sondern beförderten auch Vorstellungen über (das Leben der) Menschen in anderen Ländern in die Köpfe der Menschen zuhause. Ein extremes Beispiel waren die sogenannten Völkerschauen, bei denen – unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Weltaneignung – außereuropäische Personen unter degradierenden Bedingungen in europäischen Städten zur Schau gestellt wurden. Aber auch als „harmlos“ wahrgenommene Bühnenstücke trugen mit Bildfiktionen ihren Teil bei. Hier wie dort wurden Menschen aus anderen Kulturen als „exotisch“ vorgeführt, Ethnien und Kostüme teils frei erfunden, Eigenschaften und Verhaltensweisen stereotypisiert, fiktive Kategorien und Hierarchien geschaffen.
Der kommerziell-voyeuristische Aspekt des Aufführens spielt eine zentrale Rolle, denn darin spiegeln und konsolidieren sich koloniale Machtverhältnisse. Bühnenproduktionen arbeiteten mit Figuren, die kontinuierlich Stereotype reproduzierten und Klischees verstärkten: die untergebene Asiatin, die ebenso leidende wie leidenschaftliche Haremsdame, der herrische Sultan, der heldenhafte Cowboy und sein hinterlistiger, als „Indianer“ titulierter Gegenspieler und viele mehr. Kritische Stellungnahmen – wie in „Die Juden. Russisches Zeitbild“ von Eugen Tschirikow, einem Stück gegen die Judenverfolgung – oder ein gleichberechtigter Kulturaustausch waren rar, Folklore dafür allgegenwärtig.
Kostümfeste und Faschingsfeiern wiederum emulierten die stereotypen Bilder aus Theater, Literatur und nicht zuletzt Werbung. Europäer*innen verkleideten sich in „Andere“ und verdeutlichten so, welche Fantasien sie etwa mit „Persien“ („Perzische Feesten“), der Türkei („Türkisches Fest“), den Kolonien („Kolonialfest“) oder Kannibalen („Kannibalen-Fest“) verbanden. Diese Vorstellungen gebaren hybride Fremdbilder, in denen „orientalistisch“ oder „exotisch“ begriffene Kulturen aus Asien, Afrika und Südamerika vermischt, verallgemeinert oder übertrieben wurden. Die „Anderen“ wurden zur Projektionsfläche der kolonialen Gesellschaft. Auf diese Art verfestigten orientalisierende und exotisierende Veranstaltungen – ob direkt oder unterschwellig – den weißen Überlegenheitswahn, verstellten den Blick auf andere Gesellschaften und trugen auf ideologischer Ebene zur rücksichtslosen Ausbeutung und nachhaltigen Abwertung von Menschen aus kolonisierten Ländern und Gesellschaften bei.
Recherche und Text: Kristina Lowis
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/
Recherche und Text: Christina Thomson
Verwandte Werktexte:
_Julius Meinl Thee (ID 2769517)
_Moslem Cigarettes (ID 922470)
_Chocolat et son fils (ID 922470)
_Cinématographes Théophile Pathé (ID 2737381)
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Kolonialmächte importierten nicht nur Waren aus Übersee, sondern beförderten auch Vorstellungen über (das Leben der) Menschen in anderen Ländern in die Köpfe der Menschen zuhause. Ein extremes Beispiel waren die sogenannten Völkerschauen, bei denen – unter dem Vorwand der wissenschaftlichen Weltaneignung – außereuropäische Personen unter degradierenden Bedingungen in europäischen Städten zur Schau gestellt wurden. Aber auch als „harmlos“ wahrgenommene Bühnenstücke trugen mit Bildfiktionen ihren Teil bei. Hier wie dort wurden Menschen aus anderen Kulturen als „exotisch“ vorgeführt, Ethnien und Kostüme teils frei erfunden, Eigenschaften und Verhaltensweisen stereotypisiert, fiktive Kategorien und Hierarchien geschaffen.
Der kommerziell-voyeuristische Aspekt des Aufführens spielt eine zentrale Rolle, denn darin spiegeln und konsolidieren sich koloniale Machtverhältnisse. Bühnenproduktionen arbeiteten mit Figuren, die kontinuierlich Stereotype reproduzierten und Klischees verstärkten: die untergebene Asiatin, die ebenso leidende wie leidenschaftliche Haremsdame, der herrische Sultan, der heldenhafte Cowboy und sein hinterlistiger, als „Indianer“ titulierter Gegenspieler und viele mehr. Kritische Stellungnahmen – wie in „Die Juden. Russisches Zeitbild“ von Eugen Tschirikow, einem Stück gegen die Judenverfolgung – oder ein gleichberechtigter Kulturaustausch waren rar, Folklore dafür allgegenwärtig.
Kostümfeste und Faschingsfeiern wiederum emulierten die stereotypen Bilder aus Theater, Literatur und nicht zuletzt Werbung. Europäer*innen verkleideten sich in „Andere“ und verdeutlichten so, welche Fantasien sie etwa mit „Persien“ („Perzische Feesten“), der Türkei („Türkisches Fest“), den Kolonien („Kolonialfest“) oder Kannibalen („Kannibalen-Fest“) verbanden. Diese Vorstellungen gebaren hybride Fremdbilder, in denen „orientalistisch“ oder „exotisch“ begriffene Kulturen aus Asien, Afrika und Südamerika vermischt, verallgemeinert oder übertrieben wurden. Die „Anderen“ wurden zur Projektionsfläche der kolonialen Gesellschaft. Auf diese Art verfestigten orientalisierende und exotisierende Veranstaltungen – ob direkt oder unterschwellig – den weißen Überlegenheitswahn, verstellten den Blick auf andere Gesellschaften und trugen auf ideologischer Ebene zur rücksichtslosen Ausbeutung und nachhaltigen Abwertung von Menschen aus kolonisierten Ländern und Gesellschaften bei.
Recherche und Text: Kristina Lowis
//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.
_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/