Klage der Malerei
Objektbeschreibung
Cornelis Cort ist einer der wichtigsten frühen Reproduktionsstecher. In seiner Person, nach 1565 für den Rest des Lebens nach Italien gegangen, sind die technische
Überlegenheit des niederländischen Kupferstichs und die Vorbildlichkeit der modernen italienischen Kunst kristallisiert. Cort war zunächst einer der bedeutendsten Stecher des Antwerpener Verlages Hieronymus Cock, arbeitete dann sowohl als wichtigster Tizianstecher im Veneto, als auch in Rom, wo er schließlich starb. Er ist der erste Stecher, der die dynamische Wirkung der an und abschwellenden gestochenen Linien konsequent zu nutzen weiß, so daß er beispielsweise auf eine die Form umschließende Konturlinie verzichten kann. Die Bedeutung dieser Technik der sogenannten Taillen für die Graphik kann kaum überschätzt werden. In ihr findet der Kupferstich des späteren 16. und des 17. Jahrhunderts seinen eigentümlichen Ausdruck und wird auch für die anderen graphischen Techniken vorbildlich.
Der großformatige, erst im Jahr nach Corts Tod publizierte Druck von zwei Platten reproduziert eine Komposition Federico Zuccaros, dessen Vorzeichnung zur oberen Platte in Düsseldorf bewahrt wird. Der Künstler-Theoretiker gibt mit seiner »gedankenüberfrachteten Darstellung« (E.Schaar) ein Beispiel des vollmundigen Ernstes künstlerischen Selbstverständnisses in der hohen Zeit des römisch-florentinischen Manierismus. In der Beischrift des zweiten Zustandes, von dem nur das von Bierens de Haan genannte Exemplar in den Uffizien bekannt ist, erläutert Zuccaro selbst den Inhalt, der sich im übertragenen Sinne gegen zeitgenössische Kritik an seiner Ausmalung der Florentiner Domkuppel richtet. Diese Erläuterung ist in den unserem Blatt beigegebenen Versen ausführlich paraphrasiert: In der unteren Hälfte sieht man den Maler bei der Arbeit. Ungeachtet der Hunde, die wild an seinem Gewand zerren, hat er die Augen fest auf die in einer Erscheinung auf ihn zutretenden Personifikation der Wahrheit gerichtet, die auf sein Gemälde weist, als sei sie dabei, ihm die Darstellung zu diktieren. In typisch manieristisch-gelehrter Weise entfaltet die Komposition ein nach oben zunehmend komplizierteres Spiel der Realitätsebenen und Sinnbezüge. Im Kreis der olympischen Götter klagen die als schöne Künste verstandenen Musen dem Göttervater ihr Leid. Zur Bekräftigung deutet Minerva auf ein großformatiges breit gerahmtes Bild das hinter den Musen erscheint und den Inhalt der Klage zeigt, nämlich die von Lastern beherrschte Fortuna, Personifikation des Schicksals. Empört befiehlt Juppiter die Vernichtung der Menschheit, die im unteren Teil des Gemäldes zu sehen ist, durch göttliches Feuer und Wasser und die Furien.
Text: Gero Seelig in: Das Berliner Kupferstichkabinett. Ein Handbuch zur Sammlung, hg. von Alexander Dückers, 2. Auflage, Berlin 1994, S. 184f., Kat. IV.24 (mit weiterer Literatur)