Objektbeschreibung
Die stark untersetze Figur eines Propheten ist frontal ausgerichtet. Unter dem massiven Block der Gewandung ist das Standmotiv kaum zu erkennen. In der rechten Hand hält der Prophet ein sehr langes Spruchband, das an den Enden mehrfach eingerollt ist, unten geradezu schneckenhausartig zur Seite, und in der Mitte ohne erkennbaren Grund gestaut wird. Der linke Arm ist angewinkelt, der ausgestreckte Zeigefinger der Hand (verloren) wies auf eine bestimmte Stelle des Spruchbands. Über langem, gegürtetem Gewand mit Stehkragen, der vorn mit zwei Knöpfen geschlossen wird, fällt ein schwerer Mantel. Dieser wird oberhalb der Brust von einer offensichtlich gewirkten Kordel mit Quast an zumindest einem Ende gehalten. Durch eine bei Standfiguren übliche Raffung des Mantels unter dem linken Arm entsteht hier eine etwas unorthodoxe Struktur von Falten. Unmotiviert wie die Stauchung des Spruchbands in halber Höhe bilden sich besonders seitlich eigenartig kantige Faltenmotive heraus, die kaum geeignet sind, die lastende Stofflichkeit des Mantels glaubhaft zu vermitteln. Die eingerollten Tütenfalten am Mantelsaum unterhalb des linken Arms beginnen unvermittelt und zu weit unten. Selbst wenn man in Betracht zieht, dass die Körper gotischer Tonfiguren aufgrund des Herstellungsverfahrens fast immer blockhaft und ihre Gewandfalten reduzierter zu sein hatten, muss dem Künstler der Berliner Figur mangelhafte Aufmerksamkeit gegenüber dem Prophetenkorpus bescheinigt werden.
Sorgfältiger ist der längliche, nach vorn und der frontalen Gesamtausrichtung der Figur folgende Kopf gestaltet. Die glatte Mütze mit Knauf auf der Oberseite drückt das lange und voluminös gelockte Haar nieder, das beidseits in den Nacken fällt. Ebenso symmetrisch ist die Anlage von Oberlippen- und gespaltenem Kinnbart. Durch die nur flüchtige Andeutung der Strähnen mit zum Teil ungenau verlaufenden Rillen wirken Haupthaar und Bart eher wie kompakte, nur locker strukturierte Flächen. Auch die Stirnfalten sind etwas hölzern: Die drei mit dem Messer in den feuchten Ton geritzten Horizontallinien etwa wurden an den Rändern nicht geglättet. Die völlig gerade verlaufende Nase und gleichförmige Augen verleihen dem Gesicht zwar einen relativ jungen Ausdruck, insgesamt aber wenig Individualität.
Auch deshalb, vor allem aber aus ikonografischen Gründen ist davon auszugehen, dass die Figur Teil eines größeren Zyklus alttestamentarischer Propheten gewesen ist, wie er im 15. Jahrhundert in verschiedenen Dimensionen und Zusammenhängen üblich war. Eine Identifikation ist oft nur durch die Inschriften möglich, die Passagen der jeweiligen Weissagungen wiedergaben. Sind diese verloren, wie in unserem Fall, muss die Gestalt heute anonym bleiben.
(Auszug aus: Tobias Kunz, Bildwerke nördlich der Alpen und im Alpenraum 1380 bis 1440. Kritischer Bestandskatalog der Berliner Skulpturensammlung, Petersberg, Michael Imhof Verlag 2019)