Das Bienenwunder des Heiligen Ambrosius
Objektbeschreibung
Die vorliegende Tafel zählt zu den wenigen erhaltenen Predellen
Lippis, wenngleich es sich hier nur um ein Fragment handelt. Als
solches gehörte es ursprünglich zum Sockel eines Altarwerks,
der als Bildträger traditionell vorrangig narrative Episoden aus
dem Leben der Heiligen aufnimmt. Die rätselhafte Szene, die
sich in einer Schlafstube rund um die Wiege eines Kindes ereignet, ist heute nicht ohne Weiteres zu deuten, da das Hauptmotiv
der Darstellung offenbar durch eine zu gründliche Reinigung
verlorengegangen ist: Über dem Mund des liegenden Säuglings
dürfte ursprünglich ein Bienenschwarm dargestellt gewesen
sein, berichten doch frühe Lebensbeschreibungen des heiligen
Ambrosius wie die des Paulinus von Mailand aus dem Jahr 422
oder die Legenda aurea des Jacobus da Voragine (1228–98),
ein Bienenschwarm habe sich auf dem Gesicht des Säuglings
niedergelassen und sei durch seinen Mund ein- und ausgeflogen
wie in einem Bienenstock, ohne ihm jedoch Verletzungen zuzufügen, ein Zeichen der zukünftigen Beredsamkeit des Heiligen und
seiner honigsüßen Sprache als Prediger.
Den Hintergrund für Lippis ungewöhnlich figurenreiche
Szene bildet ein Schlafgemach, wie man es aus Verkündigungsdarstellungen kennt, das Interesse des Malers gilt jedoch vor
allem den trotz des beschränkten Formats ungewohnt monumentalen Gewandfiguren, die mit ihren gebauschten Draperien
ein plastisches Eigenleben zu führen scheinen. Gleich drei Gewandstudien haben sich hierzu erhalten, darunter eine in Berlin
(Kat. 28).
Literatur
Schottmüller 1907
Ruda 1993, S. 172–182, Nr. 37, S. 427
Ausst.-Kat. Berlin 2005, S. 236–238, Nr. 17
(Sibylle Luig)
Aufgrund der Komposition mit dem Handlungszentrum
auf der rechten und der bildinternen Rahmung auf der linken
Seite dürfte das Predellenfragment ehemals auf der linken Seite
eines Retabels angeordnet gewesen sein. Aus diesem Grund
wird es heute allgemein der Marienkrönung Maringhi, dem ehemaligen Hauptaltar der Florentiner Kirche Sant’Ambrogio (heute
in den Uffizien) zugeordnet, wo sich links außen prominent die
Figur des Kirchenpatrons Ambrosius dargestellt findet. Der Altar
wurde zwischen 1441 und 1447, die Predella aber nachweislich
erst 1458 bezahlt.
Sabine Hoffmann, Ausst.-Kat. Donatello. Erfinder der Renaissance, 2022