Dangolsheimer Muttergottes
Objektbeschreibung
Die weltberühmte Figur wurde von einem der innovativsten
Künstler des späten Mittelalters gefertigt. Der aus den Niederlanden stammende
Niclaus Gerhaert arbeitete vor allem in Straßburg, dem großen Kunst- und
Handelszentrum am Oberrhein, erhielt aber auch Aufträge etwa von Kaiser
Friedrich III. aus Wien. Diese Madonna stammt sehr wahrscheinlich aus dem Straßburger Münster und
gelangte im 19. Jahrhundert in einen Bauernhof im 10 km westlich gelegene
Winzerdorf Dangolsheim. 1910 von der Forschung entdeckt und mit einem Schlag
bekannt, wurde sie 1913 von den Königlichen Museen in Berlin erworben und ist bis heute eines der Hauptwerke im Bode-Museum. In
Dangolsheim selbst ist die Madonna eine wahre Ikone, in der mittelalterlichen
Pfarrkirche steht seit 2022 eine nach einem 3D-Scan angefertigte Kopie.
Die faszinierenden Motive der Figur hängen eng mit ihrem
ursprünglichen Aufstellungsort und ihrer Funktion zusammen. Im Rücken sind noch
heute Reliquien deponiert, bei denen es sich um Teile des Schleiers
der Muttergottes handeln dürfte, der im Straßburger Münster bis zur Einführung der
Reformation 1523/24 hochverehrt wurde. Zu einer der wichtigsten Reliquien
der Christenheit konnte der Marienschleier werden, weil er nach
mittelalterlicher Vorstellung als Lendentuch Christi bei dessen Kreuzigung Wiederverwendung fand.
Die für den Gläubigen unsichtbare Reliquie sollte in der
Figur wiedererkannt werden. Daher ist der kunstvoll arrangierte, lange Schleier
ungewöhnlich stark betont. Durch das Zusammenspiel mit den voluminösen Locken
Marias und ehemals der verlorenen Krone war er geradezu sinnlich erlebbar. Die
Bewegung des Kindes ist uneindeutig. Es scheint zugleich unter dem Schleier
hervorzuschauen, sich aber auch ängstlich zu verbergen. Diese kindliche Regung
ist eine Anspielung auf die spätere Passion, die Jesus von Beginn an bewusst
gewesen ist. Die Trauer darüber spiegelt sich im Gesicht der Muttergottes,
in dem bei aller Eleganz ein feiner Hauch von Melancholie aufscheint.
Neben den spektakulären Haaren Marias, ihrem Schleier und
dem stark bewegten Kind ist oder war die Wiedergabe der wertvollen
Stoffe ein weiteres vielgelobtes Kennzeichen. Der schwere Mantel war ehemals
vergoldet, sichtbar ist heute nur die weiße Grundierung. Er bildet eine bewegte
Schale oder ein Schutzschild um den schlanken, jungfräulichen Körper, der von
rechts vorne wie durch eine Schlucht sichtbar wird. Niclaus Gerhaert hat hier
die Möglichkeiten der Gewandgestaltung zur Unterstützung der theologischen
Aussage so weit getrieben wie keiner seiner Zeitgenossen.