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Kannibalen-Fest


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Objektbeschreibung

Mit schwarzer Handzeichnung auf erdfarbenem Papier wirbt Jules Pascins Plakat für das am 14. März 1914 geplante „Kannibalen-Fest“: ein Kostümfest für die Kunstszene, ausgerichtet in der Lennéstraße 6a in Berlin. Hier hatte Otto Feldmann, der seit 1912 den Rheinischen Kunstsalon in Köln betrieb, 1913 die Neue Galerie eröffnet und Ausstellungen mit moderner europäischer Kunst und afrikanischen Skulpturen präsentiert. Das Motto des Festes war also offenbar als Referenz an die in der Galerie ausgestellte Kunst gedacht. Der Maler Pascin, Mitglied der Berliner Secession, war unter den Ausgestellten. Die in seinem „Kannibalen“-Plakat gezeigten Szenen sind figurativen Gestaltungsweisen außereuropäischer Kulturen nachempfunden, die damals insbesondere in expressionistischen Künstlerkreisen beliebt waren. Ornamentik, Asymmetrie und leicht schräg gesetzte Linien spielen auf das Handgemachte der referenzierten Kunst an. In den 1910er-Jahren wandten sich einige deutsche Künstler*innen Afrika und Ozeanien zu: Sie bereisten die ihnen fremden Welten, in denen sie einen Gegenentwurf zum modernen Leben in den europäischen Großstädten zu erkennen glaubten – wobei sie gern den Komfort der kolonialen Infrastruktur in Anspruch nahmen. Meist ohne sich wirklich mit den Kulturen vor Ort auseinanderzusetzen, eigneten sie sich die jeweilige Formsprache sowie Ideen über fremde Welten an.

Drei Monate nach dem hier beworbenen Fest begann der Erste Weltkrieg, an dessen Ende Deutschland, dem Versailler Vertrag entsprechend, seine Kolonien abtreten musste. In den 30 Jahren zuvor wurde, nachdem die europäischen Staaten 1884/85 Afrika unter sich aufgeteilt hatten, im Deutschen Reich viel kolonialistische Propaganda betrieben: Man betonte die vermeintliche deutsche Überlegenheit und die barbarischen Zustände in Übersee, die nur durch eine zivilisatorische Mission und Disziplinierungsmaßnahmen zu beheben seien. In den Köpfen vieler Menschen verfestigten sich Vorstellungen, allein aufgrund ihrer Abstammung zum Herrschen und Ausbeuten berechtigt zu sein. Andere Gesellschaften und Kulturen wurden oft nur als schemenhaft wahrgenommen und verlacht, entsprechend der entmenschlichenden Ideologie der Rassentheorie. 

Insbesondere der Kannibalismus war ein Faszinosum solcher Kolonialerzählungen. Das historisch belegte Phänomen wurde, auch unter Aufbietung „wissenschaftlicher“ Argumente, zu einer Gruselgeschichte aufgebauscht und bestimmten Gesellschaften in den kolonisierten Gebieten zugeschrieben. Kaum ein Expeditionsbericht kam ohne Verweise auf diese angebliche „kulinarische Gepflogenheit“ aus. Das Klischee vom Missionar im Kochtopf geistert bis heute durch die Karikaturen. Vor diesem Hintergrund ist das Plakat zum Kannibalen-Fest überaus interessant. Es verwebt geschickt neue Sehgewohnheiten von außereuropäischen Körpern mit ungewohnten Darstellungsformen und dem Mythos der Menschenfresserei. Letztere wird allerdings gar nicht auf dem Plakat dargestellt, vielmehr scheint es, als ob Kannibalismus hier als Formel für Andersartigkeit und Kolonisierte (oder zu Kolonisierende) verstanden wurde. Gleichzeitig zeigen die absichtsvoll skizzenhaften, zum Teil unbeholfen anmutenden Szenen einen vollkommen gewaltfrei-entspannten Alltag, in dem Menschen freundlich miteinander umgehen. Sollten dadurch weitverbreitete Vorurteile – wie eben Kannibalismus – gegenüber Menschen aus Ozeanien und Afrika entkräftet werden? Oder doch eher die Harmlosigkeit der geplanten Festivität gegenüber den Schrecken der Kolonien betont werden? 

Solche Verallgemeinerungen und übertriebene Charakterisierungen fremder beziehungsweise nicht einheimischer Kulturen kennen wir in Europa bis heute von Kostümfesten und vom Karneval. Sie verfestigen Klischees und verhindern wahrhaftige Begegnungen. Menschen verkleiden sich oftmals als etwas, das ihnen auf den ersten Blick am weitesten von sich selbst entfernt erscheint – und entlarven damit ihre tiefsten Wünsche und ihr Aggressionspotential gleichermaßen. Beides kommt im Plakat zum Kostümfest der Künstler*innen zusammen.

Recherche und Text: Kristina Lowis und Christina Thomson

//Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin besitzt rund 3800 Originalplakate der Jahre 1840–1914. Diese Werkgruppe wurde 2021 vollständig digitalisiert, ermöglicht durch die Deutsche Digitale Bibliothek im Rahmen des von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Programms NEUSTART KULTUR. Gleichzeitig wurde eine dekoloniale Inventur des Bestands durchgeführt, die im Forschungsprojekt „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854-1914“ mündete (Träger: Staatliche Museen zu Berlin). Die Ergebnisse der Untersuchung von 240 Plakaten wurden in drei Teilen online publiziert: Die vorliegende Datenbank wird ergänzt durch einen kontextualisierenden Aufsatz und eine virtuelle Ausstellung, jeweils auf Deutsch und Englisch.

_Aufsatz deutsch (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009513
_Essay English (arthistoricum): https://doi.org/10.11588/artdok.00009516
_Ausstellung deutsch: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/koloniale-kontexte-plakate/
_Exhibition English: https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/colonial-contexts-posters/